Märchen: Das schwarze, das grüne und das weiße Knäuel

Das schwarze, das grüne und das weiße Knäuel

Eine Mutter hatte drei Söhne. Sie lebten gemeinsam in einer bescheidenen Behausung in einer kleinen Stadt. Wurde das Essen knapp, lief die Mutter hinüber zum Markt und füllte auf, was nötig war. Eines Tages, als die Tage kälter und kürzer wurden, da brachte die Mutter ihren Kindern vom Markt drei Wollknäuel mit, ein schwarzes, ein grünes und ein weißes, und jedem ihrer Söhne schenkte sie eines von ihnen. Wolle war zu dieser Zeit an diesem Ort ein begehrtes Gut, das nicht leicht zu haben war. Die Wollhändler karrten sie aus den Dörfern heraus und verkauften sie in den Städten zu hohen Preisen. Die Jungen verwahrten jeder sein Knäuelchen in ihren Schubladen neben dem Bett und wussten nun, wenn die Kälte ihnen eines Tages allzu sehr an den Kragen wöllte, dann hätten sie ja die Wolle, die ihnen ihre Mutter geschenkt hatte. Aus ihr würde zu gegebenem Zeitpunkt sich schon ein wärmendes Kleidungsstück herstellen lassen.

Nun rann die Zeit dahin und die Söhne wuchsen zu stattlichen Jünglingen heran und es kam die Zeit, da wollten sie ihre Mutter verlassen und sich die Welt besehen. Die Mutter rief sie noch einmal zu sich und gab ihnen drei Dinge mit: Ein Zelt, dass ihnen ein Dach sein und sie behüten sollte in der Nacht, einen blechernen verschließbaren Becher randvoll gefüllt mit guter Milch, die sie stärken sollte auf ihrem Weg, und, das lag ihr besonders am Herzen, jeder der drei Brüder sollte nicht sein kleines Wollknäuel vergessen, denn alle drei, das schwarze, das grüne und das weiße hatten immer noch wohlbehütet in ihren Schubladen neben dem Bett gelegen. Die Söhne küssten ihre Mutter und verließen die kleine Stadt um auf die Berge zu steigen, denn von dort glaubten sie die Welt am besten in einem Blicke zu erfassen.

Der älteste der drei Brüder, welcher das schwarze Wollknäuel bei sich trug, fand auf dem Weg eine kleine graue Eidechse und fand sie gar zu niedlich. Nur war das arme Tier krank, es hinkte und verdrehte ganz seltsam die Augen, und der junge Mann beschloss, es aufzuheben um es unterwegs gesund zu pflegen. Den anderen beiden war nicht wohl dabei, denn die Art und Weise, wie das Tier die Augen verdrehte, wirkte eher verstörend auf sie, geradeso, als würde das nicht mit rechten Dingen zugehen, und sie baten ihren Bruder, das Tier liegen zu lassen und sich nicht von seiner Hilflosigkeit täuschen zu lassen. Doch ihrem Bitten zum Trotz hob der Älteste das Tier auf und steckte es in seine Tasche. Die Eidechse aber war ein verzauberter Drache, der auf seine Erlösung hoffte, indem ihn jemand aufhob und ihm zu Essen gab. Denjenigen aber, der ihn erlösen sollte, würde er Stück für Stück auffressen. Zuerst das Herz, danach den ganzen Menschen mit Haut und Haaren.

Der Abend nahte, es wurde kalt und die Brüder peinigte der Hunger. Der Älteste beschloss, sein schwarzes Wollknäuel aus der Tasche zu nehmen und seinen halb erfrorenen Füßen ein paar Strümpfe anzufertigen. Die hungrige Eidechse aber hatte das schwarze Knäuel angefressen und unterhöhlt, sodass die Strümpfe, kaum dass sie fertig waren, noch in den Händen des Ältesten zerrissen. Darüber wurde er zornig. Und noch am selben Abend beschloss er, krank vor Hunger und Kälte und mit bereits halb zerfressenem Herzen, in der Nacht den Becher Milch zu stehlen, den die Mutter den dreien mitgegeben hatte, und seinen Weg allein fortzusetzen. Als seine jüngeren Brüder schliefen, nahm er nicht nur den Becher mit, sondern steckte auch das Zelt in seine Tasche, unter dem die beiden lagen, und stahl sich davon. Die Eidechse in seiner Tasche aber wuchs und wuchs und schon nach wenigen Schritten, die er sich davongestohlen hatte, versperrte ein riesiger Drache dem Jüngling den Weg, verschlang ihn auf der Stelle und flog davon. Dies aber sah der mittlere der drei Söhne, der von dem Getöse des Drachen erwacht war. Er trauerte um seinen verlorenen Bruder, hob die Tasche auf und konnte seinem Hunger nun auch nicht mehr Herr werden, als er den Becher mit der Milch erblickte, und trank ihn hastig aus, bevor sein jüngerer Bruder erwachen und ihn ertappen konnte.

Dann beschloss auch er, dem Erstarren seiner Füße ein Ende zu setzen und aus seinem grünen Wollknäuel ein paar Strümpfe herzustellen. Doch wie er sie an seine Füße zog, zerrissen auch diese, da die Eidechse auch sein Wollknäuel ein wenig angefressen hatte. Nun wenn schon, dachte er bei sich zu seinem schlafenden Bruder hinüberblinzelnd, so sind doch zerrissene Strümpfe immernoch wärmer als gar keine Strümpfe. Der Zauber des Drachen hatte über sein Wollknäuel auch einen Teil seines Herzens durchlöchert. So beschloss auch er, seinen barfüßigen Bruder liegen zu lassen und sich mit dem Zelt allein auf den Weg zu machen. Den leeren Becher ließ er dabei zurück ohne es zu bemerken. Als der Jüngste am nächsten Morgen erwachte, halb erfroren, wunderte er sich über seine verlorengegangenen Brüder und das verschwundene Zelt. Dennoch ahnte er, dass die seltsame Eidechse hinter dem Verschwinden seiner Brüder stecken musste.

Traurig hob er die leere Tasse auf und setzte seinen Weg zu den Bergen alleine fort. Er wanderte sieben Tage und sieben Nächte und als er in der achten Nacht den Gipfel des größten Berges erreichte und erschöpft niedersinkend sein weißes Wollknäuel gedankenverloren in seinen Händen drehte, da ging ein klarer Vollmond auf und das Mondlicht ließ die weiße Wolle wie von selbst leuchten. Das Knäuel begann zu zappeln und sich aus seinen Händen loszureißen. Dann entwirrte es sich und legte wie von Geisterhand eine Wollfadenspur, die länger und länger wurde und schier kein Ende zu finden schien. Der Jüngling hastete ihm hinterher, immer der Spur folgend, er stolperte, stand wieder auf um alsbald wieder zu stolpern, weil es dem Knäuel einfach nicht schnell genug zu gehen schien. Die Spur führte den jüngsten Bruder in einen finsteren Wald bis zu der Stelle, an der sein vom Drachen verschonter Bruder das Zelt aufgeschlagen hatte.

Dieser war ziellos umhergewandert, da ihm sein Herz den Weg nicht mehr zu zeigen vermocht hatte. Dann hatte er es erschöpft aufgegeben, den Weg in die Berge zu finden und hatte sich an diesem Ort neben einem kleinen Bächlein niedergelassen um, wenn es hätte sein müssen, bis ans Ende seiner Tage hier zu bleiben. Denn sein Herz hatte sich von den Bissen der Eidechse erholt und er empfand bittere Reue darüber, seinen älteren Bruder nicht gerettet und seinen jüngeren Bruder bestohlen und hintergangen zu haben, und sein Leben erschien ihm sinnlos und nicht mehr lebenswert. Sein jüngerer Bruder aber, als er das Zelt schon von weitem erblickte, pfiff ihn freudig aus dem Zelt heraus. Sie gaben sich einen versöhnlichen Händedruck, erzählten einander, was ihnen widerfahren war und wuschen gemeinsam im nahegelegenen Bach die Blechtasse ihrer guten Mutter aus. Und zu ihrem größten Erstaunen füllte sich der Becher wie von selbst wieder auf mit frischer guter Milch. Da reichten sie einander den Becher und einer nach dem anderen tat einen wohltuenden Zug, und keiner litt Hunger oder Durst, jeder wurde satt.

So verbrachten sie ihre Tage bis es Sommer wurde. Dann wollten sie weiterziehen, denn sie mussten ihren armen Bruder retten. Das Zelt aber ließen sie zurück. Der mittlere Bruder zog seine grünen löchrigen Strümpfe aus und gemeinsam wateten sie durch den in der Sommerhitze nun angenehm kühlen Bach und folgten dem Flussbett hinaus aus dem Wald mitten hinein in ein violettes Meer von Lavendelzweigen. Sie atmeten den Duft der abertausenden Blüten und pflückten sich jeder einen Zweig und noch einen dritten für den ältesten Bruder. Der Bach führte die Jünglinge geradewegs in das Drachengebirge und mündete in einen trüben Gebirgssee. Da fanden sie den schlafenden Drachen. Als dieser erwachte und die Lavendelzweige erblickte, wich er ängstlich zurück. Die Brüder berührten ihn mit einem der Zweige, da überkam den Drachen ein gewaltiges Zittern und Beben, bis er schließlich zu Staub zerfiel und mitten im Staub niemand anders kauerte als der älteste der drei Brüder. Seine beiden Retter gaben ihm zu Trinken aus dem blechernen Gefäß, dann machten sie sich auf den Weg in ihre Stadt um ihrer Mutter das Erlebte zu berichten und auch sie den belebenden Duft der Blüten ein- und ausatmen zu lassen, so tief sie es vermochte.