Erziehung Reisen mit Kindern

Von der Hexenjagd auf Freilerner – Eine Streitschrift

Freilerner sind Staatsfeinde.
Sie stellen eine Gefahr da.
Oder es sind Eltern, die ihren Kindern den einzigen Ort vorenthalten, der ihnen das notwendige Maß an Bildung, sozialer Interaktion und charakterlicher Entwicklung bieten kann, den es gibt.

Kindeswohlgefährdung.

Wo endet das Papier und wo beginnt die Moral?

Zumindest scheint das die öffentliche Meinung zu sein.
Eine befreundete reisende Freilerner-Familie hält sich 3 Wochen zur Zwischenmiete in Deutschland auf und wird umgehend beim Jugendamt gemeldet.
Warum?
Mir und allen freilernenden bzw. homeschoolenden Familien aus Deutschland ist bewusst, dass es gesetzlich vorgeschrieben ist, dass Kinder in die Schule gehen. Es ist ein Gesetz. Ich halte mich daran und habe deshalb meine Kinder abgemeldet und reise mit ihnen. Damit halte ich mich im legalen Bereich auf und befolge die Regeln.
Das ist die rechtliche Seite auf dem Papier. Damit kann ich umgehen.
Die andere ist die Moral.
Es ist, und das wäre mir vor einigen Jahren nie aufgefallen, gelungen, den Menschen beizubringen:

Es ist Kindesmisshandlung, wenn ein Kind nicht in die Schule geht.

Allgemein ist sogar ziemlich unbekannt, dass es tatsächlich Länder ohne eine Schulpflicht gibt.
Kinder müssen in die Schule gehen. Alles andere ist MORALISCH VERWERFLICH.
Ende.
Aus.

Freilerner und Kindeswohl

Ich muss dazu sagen: Ich habe nichts gegen eine lebendige Diskussionskultur zum Thema. Das belebt und erweitert den Horizont.
Aber das moralische An-den-Pranger-Stellen von Eltern, deren Kinder nicht in die Schule gehen, halte ich für höchst fragwürdig und, ja, absolut scheinheilig.
Wieviel Schwarzarbeit gibt es in Deutschland?
Würden Sie sich melden, wenn das Finanzamt Ihnen zuviel zurück gezahlt hat?
Wie oft gehen Sie bei rot über die Ampel?

Wie oft ist JEDER von uns mindestens in der Grauzone der Illegalität, einfach weil uns mit gesunden Menschenverstand bewusst ist, dass blinder Gehorsam nicht immer sinnvoll ist?

Will ich hier dazu aufrufen, doch ab und zu mal das Gesetz zu übertreten?
Nein, ich finde es gut, dass wir ein Gesetz haben, dass keine Ausnahmen zulässt. Auch wenn man sich da ab und zu an den Kopf greift, ich möchte keine Willkür von Staatsmacht her. Ich möchte jederzeit auf meine Rechte bestehen und halte dafür auch meine Pflichten ein. Wenn mir das nicht passt, dann gehe ich eben.
Es geht mir einzig um die moralische Bewertung, die die Öffentlichkeit zum Feind eines jeden macht, der versucht, eigene (legale!) Wege für sich und seine Familie zu finden.
Die befreundeten Eltern haben nichts Verbotenes getan. Ihr gewöhnlicher Aufenthalt ist in im Ausland, daran ändern auch ein paar Wochen Deutschlandbesuch nichts. Sie sind von der Schulpflicht befreit. Und es wäre für die Kinder sicherlich schädlicher, für ein paar Wochen in die Schule zu gehen, nur um dann wieder abzureisen.
Dennoch müssen sie sich jetzt mit dem Jugendamt auseinandersetzen, das durch die Meldung nun verpflichtet ist, der Sache nachzugehen. Sinnbefreiter Stress für alle Beteiligten.

Sind Freilerner-Kinder gefährdet?

Reden hilft

Das macht mich wütend. Sicherlich wollen die Meisten nur das Beste für Kinder. Aber: Man kann auch erst einmal miteinander sprechen.

Kannst du nicht nachvollziehen, warum das Kind der Leute, die sich seit ein paar Tagen mit ihrem Wohnwagen im Nachbargrundstück aufhalten, nicht zur Schule geht?

Sorgst du dich um das Kindeswohl des lieben Mädchens, dass dich immer über den Zaun zuquasselt und jeden Vormittag da ist, wenn alle anderen Kinder in der Einrichtung sind?

Dann geh BITTE doch mal rüber, mit einer Kanne Kaffee (oder BIO Chai und Hafermilch… nicht dass ich Vorurteile meiner eigenen Tribe gegenüber hätte) und stell deine Fragen. Ergebnisoffen und echt interessiert.
Dann wirst du doch sehen, ob du es mit verlotterten, vernachlässigten Kindern von inkompetenten Eltern zu tun hast. Oder mit Menschen, die sich Gedanken machen, mühsam Konzepte überlegen, um ihre Kinder zu verantwortungsbewussten, klugen und weltoffenen Bürgern aufwachsen zu lassen, die in der Lage sind, diese Gesellschaft positiv zu prägen.

Das ist alles, worum ich bitte. Kommt zusammen. Redet miteinander, anstatt anzuklagen. So entstehen Sternstunden. Nicht anders.

Für das Wohl der Kinder.

Shalom,
dein Mathias

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