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Wann sind wir lebendig? Ein Song, Briefmarken und und der Mann mit der Gitarre

Johnny Cash war 1994 fast vergessen. Er hatte jahrelang Musik-Geschichte geschrieben, aber in den 90er war es ruhig um ihn geworden. Doch dann hatte der Produzent Rick Rubin eine Idee: Er wollte eine Platte aufnehmen, die sich ganz und gar um Cash dreht. So setzte sich der inzwischen etwas in die Jahre gekommene Men in Black mit nichts als seiner Gitarre in einen Raum und fing an, zu spielen. Eigene Lieder, fremde Lieder, Traditionals.
Nur er.
Seine Gitarre.
Seine Stimme.
Die „American Recordings“.

Der Erfolg war unglaublich. Es gipfelte im letzten zu Lebzeiten von Cash produzierten Album American IV: The Man Comes Around. In diesem spielt er eine Coverversion des Nine-Inch-Nails-Songs „Hurt“. Dieser Mann am Ende seines Lebens, mit seiner brüchigen Stimme singt dieses Lied nicht einfach nur. Er nimmt es in Besitz, er macht es sich zu eigen.
Der Frontmann von Nine-Inch-Nails sagte später: „Das ist nicht länger unser Song. Er gehört nun Johnny Cash.“

Zu eigen

Wir können uns in unserem Leben viele Dinge und Fähigkeiten zulegen. Wir können eine Ausbildung machen, einen Job annehmen, eine Familie gründen. Und dennoch passiert es, dass wir uns nur zu Gast fühlen in unserem eigenen Leben.

Ich zum Beispiel habe Ingenieurwesen studiert und 4 Jahre in dem Job gearbeitet. Es kam jedoch nie zu dem Punkt, an dem ich sagen konnte: Ich bin Ingenieur. Ich habe mir diesen Beruf nie zu eigen gemacht.
Ich hatte den Job nur.
Ich besaß ihn nicht.

Was bedeutet es, sich etwas zu eigen machen? Es hat wohl sehr viel mit Achtsamkeit zu tun. Und mit Identität. Bei welcher Sache in deinem Leben kannst du von dir selbst sagen: „Das bin ich.“?
Ich bin Hundebesitzer.
Ich bin Mutter.
Ich bin Briefmarkensammler.

Wenn wir etwas in Besitz nehmen, dann leben wir es. Wir legen unsere gesamte Lebendigkeit hinein, unsere Liebe und unser Sein. Wir übernehmen Verantwortung dafür und haben das Bedürfnis, diese Sache wirklich zu erleben, in ihrer gesamten Vielfalt.

Zufällig Teil meines Lebens?

An manchen Tagen, wenn ich sehr gestresst bin, vergesse ich, dass ich einige Bestandteile meines Lebens aktiv gewählt habe. Dann entsteht in mir zum Beispiel der Eindruck, dass meine Kinder irgendwelche Personen sind, mit denen ich halt zufällig zu tun habe und mit denen ich irgendwie umgehen muss. Und dann wollen die nicht Zähneputzen. Und dann werde ich wütend oder will am liebsten einfach gehen, weil es nervt.
Doch inzwischen gelingt es mir immer besser in schweren Momenten zurück in den Augenblick zu kehren. Ich schüttel mich kurz, öffne meine Augen weit und sehe diese einzigartigen Wesen an:
Wunderschöne Geschöpfe, denen ICH mit meiner Frau das Leben geschenkt habe.
Die zu meinem Verständnis von einem erfüllten Leben gehören.
Und dann sehe ich sie nicht einfach nur, ich nehme sie wahr in ihrem ganzen Sein.
Diese wunderbaren, einzigartigen Geschöpfe.
Ich lege mich mit meinem ganzen Sein in die Beziehung mit ihnen und mache mir den Augenblick mit ihnen zu eigen. Und dann strahlt alles voll Sinn und Schönheit.

Man kann sich so viele Dinge und Tätigkeiten zu eigen machen

Lebendig

Seit ich 18 bin, spiele ich gern Gitarre. Laut und falsch. Akkorde schrummeln. Aber hey, es macht Spaß. Doch vor kurzen durfte ich zwei Monate mit einem Mann in einem Haus wohnen, der nicht einfach Gitarre spielte.

Er besaß die Gitarre (und das nicht nur, weil es tatsächlich seine war).
Er hatte nicht einfach gut Gitarre spielen gelernt.
Er hatte sich das Gitarrenspiel zu eigen gemacht.
Er war sein Gitarrenspiel.

Wenn Dominic spielte, veränderte sich die Atmosphäre, das Licht, die Gemüter. Das ganze Haus mit den vielen Menschen darin schwang in seinem Rhythmus. Sternstunde.
Vor kurzem hat er ein Album aufgenommen. Die Leute am Mischpult hatten Tränen in den Augen.

Das ist der Unterschied zwischen „etwas tun oder gelernt oder zugelegt haben“ und „es sich zu eigen machen“. Wir fangen an, die Realität um uns herum zu gestalten und zu ändern, weil das, was in uns göttlich ist, sich zeigen und ausdrücken darf. Manchmal muss man dem bewusst Raum geben, weil man es sonst verpasst.
Aber mit dieser Achtsamkeit hat man nicht einfach nur Kinder, Briefmarken oder Gitarre spielen gelernt.
Man IST Vater.
Man IST Briefmarkensammler.
Man IST Gitarrist.
Sternstunden.

Ich wünsche dir, dass du dir dein Leben zu eigen machst. Dass du es in Besitz nimmst und du das Göttliche in dir leuchten lassen kannst.
In Achtsamkeit und Hingabe.

Shalom,
dein Mathias

Hier kannst du dir Dominic anhören:

Dominic hat ein Album veröffentlicht, schreib ihn gern an, wenn du es bestellen möchtest: https://www.nowskymusic.com/

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