Märchen als Weg

Verbrenn sie, Gretel! Oder: Märchen sind grausam – und heilsam!

Wohl eines der berühmtesten Märchen der Gebrüder Grimm ist jenes von Hänsel und Gretel. Ein Junge und ein Mädchen unbekannten Alters werden von ihren Eltern, einem armen Holzhacker und seiner Frau, im dunklen Wald ausgesetzt, wo sie einer Hexe in einem Brothäuslein begegnen, die sich erst verstellt und nach einer Nacht ihr wahres, grausames Gesicht zeigt: Sie will die Kinder braten und fressen. Durch List und Mut schaffen die Kinder es, die Hexe zu besiegen und heimzukehren.

Boah! Wie grausam! Eltern, die ihre Kinder aussetzen, eine Hexe, die Kinder verführt und dann auffrisst, und Kinder, die die Hexe letztendlich im Ofen verbrennen! Dürfen wir sowas unseren Kindern vorlesen?? Ich sage: Ja! Auf jeden Fall!

Grausamkeit ist nur ein Bild

Hinter all den Grausamkeiten lassen sich ganz natürliche und notwendige Prozesse von Loslösung und Individuation entdecken. Wie komme ich darauf?
Allein die Ausgangssituation der Geschichte ist an Widersprüchlichkeit kaum zu übertreffen – und dennoch – kein Kind stellt sie in Frage. Warum eigentlich nicht? Einerseits ist hier von großem, qualvollen Hunger die Rede, der die Kinder am Abend in ihren Betten nicht einschlafen lässt. Andererseits aber wird davon berichtet, dass Hänsel ein Röcklein trägt und Gretel eine Schürze. Sie wohnen in einem Haus mit mehreren Türen und weißem Schornstein und helle Kieselsteine zieren den Weg davor. Hänsel besitzt zudem zwei weiße Haustiere – ein Kätzchen und ein Täublein. Vielleicht ist es kein materieller Hunger, der dieser Familie zusetzt. Vielleicht geht es hier um eine innere Armut, welche das Märchen meint, Armut an Zuwendung, Liebe und Mitgefühl, aber auch Armut an Lebensfreude und innerer Sicherheit?

Lasst uns das Märchen von Hänsel und Gretel doch einmal auf eine ganz neue Art, aus dem Bauch heraus, betrachten, genauso wie es ein Kind tut und wie wir es als Kinder getan haben. Lassen wir uns doch einmal auf das Gefühl des Hungers ein und alles was damit verbunden ist.

Damit verbunden ist, wie das Märchen deutlich beschreibt, dass die Eltern nur des nachts ungestört miteinander über wesentliche Themen sprechen können. Vermutlich haben sie einen anstrengenden, auszehrenden Lebensalltag zu bewerkstelligen, tagein und tagaus. Junge Eltern wissen am besten, wovon das Märchen hier spricht. Die Liebesbeziehung ist vor eine Zerreißprobe gestellt, eine weitere Beziehung, die Beziehung zum Kind, drängelt sich in die Paarbeziehung hinein und Konflikte sind nahezu unumgänglich. Dass das „Brot“, die (emotionale) Nahrung, nicht für alle reicht, ist die „grausame“ Tatsache, die die „böse Stiefmutter“ nun ausspricht. Grausam ist es, und böse ist es. Aus kindlicher Sicht. Die Familie befindet sich in einer Notlage. Aber könnte diese emotionale Not-Lage nicht auf einen not-wendigen Entwicklungsschritt der Eltern-Kind-Beziehung hinweisen? Könnte die Mutter nicht im realen, sondern im vom Kind empfundenen Sinn in dieser Situation zur Stief-Mutter geworden sein? Tatsächlich ist in der ursprünglichen, das heißt vor-Grimm’schen Fassung nicht von der Stiefmutter, sondern tatsächlich von der Mutter die Rede.

Hänsels und Gretels Geschichte weist erstaunliche Parallelen zu den Entwicklungsschritten eines Kleinkindes nach dem Modell von Margret Mahler, der sogenannten psychologischen Geburt auf, die in dieser Konstellation von der (Stief)Mutter „eingeleitet“ wird und bei vielen Menschen aus verschiedensten Gründen erst im Erwachsenenalter wirklich abgeschlossen werden kann. Besonders jenen möchte ich mit den beiden kleinen „grausamen“ Helden Mut machen.

Der Wald und die Angst

Die Phase der Loslösung und Individuation beginnt nach Mahler im 4. bis 6. Lebensmonat mit der Beendigung der symbiotischen Phase, in welcher das Kind sich nicht als Individuum, sondern mit der Mutter symbiotisch verschmolzen erlebt. Sie erhielt von Mahler den Namen „psychologische Geburt“, da es nach der physiologischen Trennung zum Zeitpunkt der biologischen Geburt erst jetzt zu einer Trennung auf der Ebene des kindlichen Erlebens kommt. Das Kind, welches etwa vom 6. bis 10. Lebensmonat beginnt, den mütterlichen Schoß zu verlassen und krabbelnd die Welt zu erkunden, erhält eine vage Vorstellung davon, dass es ein von der Mutter getrenntes Wesen ist und dass die Mutter auch getrennt von ihm existieren kann. Mit dieser Erkenntnis ist beim Kind Trennungs- und Fremdenangst verbunden, die berühmte „Fremdelphase“.
Könnte es nicht sein, dass wir uns an diese mehr oder weniger glücklich verlaufene Phase „erinnern“, wenn wir gemeinsam mit den beiden kleinen Protagonisten heimlich in der Nacht die „grausamen“ Worte der Stiefmutter belauschen, die eigentlich eine Mutter ist? Und könnte die eigentliche Grausamkeit nicht auch beim armen Holzhacker zu finden sein? Dieser nämlich ist es, der vom Wald als einen bedrohlichen, ja todbringenden Ort spricht und davon, wie er die Kinder bedauert. Er scheint den Kindern mitnichten zuzutrauen, auch nur einen Tag allein im Wald zu überleben. In seiner Not sind seine Angst und Sorge vielleicht so groß geworden, dass er den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, Schuldgefühle hat, seine Kinder nicht mehr erkennt, ihre Bedürfnisse nach Individualisierung verkennt? Die Mutter hingegen lässt kein Wort verlauten über einen vermeintlichen Tod der Kinder. Zuversichtlich will sie den Kindern noch ein Feuer anmachen, ihnen ein letztes Stück Brot mit auf den Weg geben. Hänsel und Gretel mit ihrer kindlichen Wahrnehmung sehen das freilich anders, können es gar nicht anders sehen als stiefmütterlich.

Der nächtlich erlauschte elterliche Beschluss wird nicht akzeptiert. Ganz besonders nicht von unserem Hänsel. Heimlich schleicht er sich zur Hintertür hinaus um helle Kieselsteine zu sammeln, welche ihnen am folgenden Tag den Weg zurück weisen sollen. Ein Verhalten, dass an ein Kleinkind im Alter von 10 bis 17 Monaten erinnert. Diese Phase ist gekennzeichnet durch einen Zustand des Muts und der Eroberungslust. Das Kind, das gerade den aufrechten Gang für sich entdeckt, geht in dieser Phase relativ angstfrei mit seiner Umgebung um und genießt seine Unabhängigkeit, es be-greift die Welt mit seinen kleinen Händen und macht sie so für sich verfügbar – genau wie Hänsel, welcher sich absolut als der Herr seiner Lage empfindet und genau weiß, was zu tun ist. Die Welt, der Wald, ist ihm keine Bedrohung. Mit seinen Händen er-greift er sich selbstsicher die Kieselsteinchen und hat die Situation in der Hand.

Von der Krise in die Katastrophe

Im Alter von 18 Monaten beginnt nach Mahler die Wiederannäherungsphase und dauert in etwa bis zum 24. Lebensmonat . Das hiesige Grundgefühl ist nun die Angst. Erlebnisse wie Stürzen, sich Stoßen oder frustrierende Begegnungen mit anderen Kindern erschüttern die omnipotenten Gefühle der vorangegangenen Phase und das Kind erinnert sich wieder, ja es sehnt sich vielmehr wieder nach der Sicherheit in der mütterlichen Symbiose. Diese ist nun aber nicht mehr erreichbar, nicht in der erinnerten Intensität. Das Kind erlebt eine Krise, eine Wiederannäherungskrise. Die Krise aber ist das Schlüsselmoment des gesamten Märchens. Das Märchen von Hänsel und Gretel nämlich zeigt, wie diese Krise überwunden oder aufgearbeitet werden kann.

Wie versucht Hänsel die Wiederannäherungskrise zu bewältigen? Die Tür zu den Kieselsteinchen, die Tür zu einer Rückkehr in symbiotisches Sicherfühlen ist nun buchstäblich versperrt. Dass er sich jetzt entscheidet, Brot einzusetzen für die Aufgabe, die zuvor die Kieselsteine hatten, zeigt die Destruktivität, die in diesem Lösungsansatz liegt. Hänsel fixiert sich auf eine vorangegangene, nämlich die orale Entwicklungsphase, in die ihn die Angst (des armen Holzhackers?) getrieben hat, indem er Nahrung als Problemlöser einsetzen will. Kommt uns das nicht bekannt vor? Wer hat nicht schon einmal aus Frust gegessen, genascht, geraucht? Hänsel verfällt in Regression und Verleugnung.

Die Katastrophe ist eingetreten in Form von unüberwindbarer Stagnation, von durch Angst gehemmter psychischer Weiterentwicklung, bildhaft durch ein Haus des Fressens und Gefressenwerdens. Die Hexe veranschaulicht die Schauderhaftigkeit dieses Zustandes, aber auch die (konstruktive) Schauderhaftigkeit, die erst in der Annahme der Tatsache liegt, dass dieser Zustand nicht die Lösung sein kann, zumindest keine gesunde. Was blüht einem Kleinkind, dessen Eltern sich auf diesen Lösungsansatz einlassen? Es würde sich um Verwöhnung handeln und der Wunsch nach ewig andauernder Symbiose würde sich in schädliche Abhängigkeit verkehren. Ein Kind in der Wiederannäherungskrise verspürt diese drohende Schadhaftigkeit in Form einer spannungsvollen Ambivalenz: Es schwankt immerzu zwischen dem Verlangen nach totaler mütterlicher Nähe und einem unbestimmten Gefühl der Bedrohung, wird es von der Mutter zu sehr oder zu oft umschlungen. Die Hexe will Hänsel und Gretel nicht nur um-, sondern vielmehr ver-schlingen. Die Hexe ist die katastrophale Vollendung der Verwöhnung. Oder andersherum: Die Mutter, die sich auf diese Lösung einlässt oder sie durch ihr Verhalten selbst initiiert, wird sich für das Kind früher oder später in eine Hexe verwandeln.

Die Verwandlung

Was könnte uns die Symbolik vor Augen führen, die zwischen leblosem, starrem Stein (Kieselsteinchen) und der Wandlungssubstanz Brot (Brotkrumen) unterscheidet? Beide „Wege“, die Hänsel erschafft und damit im psychologischen Sinn auch geht, haben ihre Berechtigung und Notwendigkeit bei seiner und auch Gretels voranschreitender Entwicklung. Das Stehenbleiben und Verharren ebenso wie die Veränderung und Verwandlung. Zweitere findet im Märchen nicht selten in einem Ofen statt.

„Der gewölbte Backofen ist Symbol des schwangeren Leibes, das Herausziehen des Brotes gleicht der Geburt, wie man im Volksmund sagt“ (Günter Kieser). Der Ofen, in den Gretel die Hexe stoßen wird, ist der Ort der psychologischen Geburt. Doch zu dieser kann es erst kommen, wenn Hänsel und Gretel die vierte und letzte Subphase der Loslösung durchschritten haben. Diese Phase bezeichnet den Lebensabschnitt zwischen 24 und 36 Monaten des Kleinkindes und ist gekennzeichnet durch die Erringung der eigenen Individualität und Autonomie. Nicht nur durch List, sondern vor allem durch konsequenten Trotz gelingt es den beiden kleinen Märchenhelden endlich, die böse Hexe zu verbrennen und umzuwandeln in Konstruktivität, in Perlen und Edelsteine nämlich, die aus dem armen Holzhacker einen reichen Mann machen.

Hänsel und Gretel sind Kinder, die aus eigenem Antrieb ihre psychische Reifung erkämpfen, was in der emotionalen Notlage ihrer Eltern zu kurz gekommen sein mag. Hänsel und Gretel machen Mut und wecken gesunden Trotz in uns, der uns aus den verschiedensten Gründen abhanden gekommen sein kann. Trotz gegen Stagnation, gegen Destruktivität, Gefühle der Abhängigkeit, Hilflosigkeit. Hänsel und Gretel weisen uns den Weg in die Emanzipation. Grausamkeit ist das, was Emanzipation nötig macht, nicht die Emanzipation selbst.

Shalom,

eure Nicole

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

    1. Mathias Rudolf sagt:

      Danke, schön, dass der Artikel dir gefällt.
      Ich kenne die Version von Chibraxa, da sind die beiden Kinder unerträglich.
      Viele Grüße!

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