Geschichte Märchen als Weg

Märchen: Zwergenkind

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, deren größter Wunsch auf Erden war ein Kind. Ihr Wunsch ging in Erfüllung und sie bekamen ein Kind, das jedoch so klein war, dass es lange nur bis zu den Knien seines Vaters reichte und nicht größer wurde, wie es die anderen Kinder taten. Und weil es einfach nicht wachsen wollte, nannten die Mutter und der Vater und auch alle anderen es Zwergenkind. Doch bald darauf starben die Mutter und der Vater und Zwergenkind lebte fortan allein in einer Höhle im Wald.

Lange lebte es dort, verließ die Höhle nicht, aß nur von den Wurzeln, die hineinragten und hatte bald alle anderen vergessen. Es baute sich ein kleines Bett, ein Tischchen, ein Stühlchen, saß und schaute zum Höhlenausgang, sah es hell werden und dunkel werden, regnen, stürmen, sah die Sonnenstrahlen, die sich durch die Äste wagten und am Höhleneingang Halt machten. Lange lebte es so dahin, bis eines Tages ein altes Mütterchen zu ihm hinein trat, das trug einen Umhang aus schwarzen Rabenfedern und bat um Einlass und Unterkunft, um ein wenig verschnaufen zu können.

Zwergenkind ließ es hinein, gab ihm zu Essen und zu Trinken, ließ es auf seinem Stühlchen sitzen und in seinem Bettchen schlafen, bis es sich gestärkt hatte. Eines Tages fragte das Mütterchen: „Warum lebst du hier so allein? Komm mit mir. Ich bringe dich in ein Dorf, da wohnt ein kleines Volk, ein Zwergenvolk, alle sind dort so klein wie du, es wird dir gefallen.“ Zwergenkind wusste nichts von einem Zwergendorf und willigte ein, die Alte bis dorthin zu begleiten. „Du hast ein gutes Herz“, sagte die Alte, „und weil du dich so gut um mich gekümmert hast, will ich dir ein Geschenk machen.“ Sie zog aus ihrem schwarzen Umhang einen kleinen Spiegel hervor und gab ihn Zwergenkind. „Verwahr ihn wohl. Es ist ein Zauberspiegel, der dich in der Not schützen und dir helfen wird, wenn du den Weg aus den Augen verlierst. Doch hüte dich davor, hineinzusehen ehe wir das Zwergendorf erreicht haben.“ So brachen sie auf. Den Spiegel nahm Zwergenkind mit und es zerbrach sich den Kopf darüber, was nur das Geheimnis des magischen Spiegels sein könnte, und warum es nicht hineinsehen dürfe.

Und wie sie durch den Wald liefen, tagein, tagaus, begab es sich, dass sie eine Rast machten und die Alte ins Dickicht lief um Beeren zu sammeln. Zwergenkind saß auf einem Stein und hielt den Spiegel in der Hand und es konnte seine Neugier nicht länger an sich halten, es musste einfach hineinsehen. Und wie es in den Spiegel hineinsah, stand plötzlich ein zweites Zwergenkind vor ihm, das ihm bis aufs letzte Härchen glich. Aus dem Spiegel aber erklang die Stimme des Mütterchens: „Du hast in den Spiegel gesehen, obwohl ich es dir verboten habe. Nun kann ich nicht länger an deiner Seite bleiben. Ich muss gehen. Doch wenn du mich eines Tages brauchen solltest, so musst du nur wieder in den Spiegel sehen.“ Im selben Augenblick flog ein Rabe aus dem Dickicht auf und schwang seine Flügel gen Himmel, bis er schließlich verschwand. Zwergenkind sah das Spiegelzwergenkind an und hatte es von dessen ersten Wimpernschlag an von Herzen lieb und wollte sich fortan nicht mehr von ihm trennen. Spiegelzwergenkind nahm Zwergenkind an die Hand und ehe ein Tag vergangen war, erreichten sie das Zwergendorf.

Die Zwerge waren gütig und hilfsbereit und nahmen Zwergenkind und seinen Kameraden in ihrem Dorf auf. Zwergenkind und Spiegelzwergenkind lebten gemeinsam in einer Zwergenhütte, hatten genug zu Essen und ein weiches Lager, auf dem sie schlafen konnten. Es hätte ein herrliches Leben sein können, wenn nicht eines Tages einer der Zwerge von den schrecklichen Geschehnissen erzählt hätte, die das Dorf in jeder Vollmondnacht heimsuchten.

Denn immer, wenn der Mond voll und hell am Himmel stand, erschien ein gewaltiges Ungeheuer, ein riesiger Wolf mit nur einem Auge, aber messerscharfen Zähnen, und fiel über das Dorf her. „Nach jeder Vollmondnacht, die vergeht, sind wir ein Zwerg weniger“, berichtete der Zwerg betrübt, „wenn Vollmond ist, hat der große einäugige Wolf Hunger und wird einen von uns verschlingen. Diese Nacht ist es wieder soweit. Diese Nacht wird wieder Vollmond sein.“

In dieser Nacht lag Zwergenkind neben dem schlafenden Spiegelzwergenkind und konnte lange nicht einschlafen, denn die Angst quälte es. Unruhig warf es sich auf seinem Lager hin und her, bis der Schlaf es schließlich doch noch übermannte. Am nächsten Morgen war Spiegelzwergenkind verschwunden. Zwergenkind war sehr betrübt. Keiner der Zwerge vermochte es zu trösten. Es beschloss, sich auf den Weg zu machen, um Spiegelzwergenkind zu retten und den schrecklichen Wolf zu besiegen. Es holte sein Zauberspiegelchen herbei und sah entschlossen hinein, als plötzlich eine Frau in einer steinernen Rüstung vor ihm stand. „Fürchte dich nicht“, sprach sie, „ich war das Rabenmütterchen und nun bin ich es nicht mehr. Ich will dir meinen Umhang aus schwarzen Federn schenken.“ Dann ging sie fort.

Zwergenkind nahm den Umhang an sich und machte sich auf den Weg. Tagelang lief es, ohne zu wissen wohin, und eines Abends, nämlich genau am Abend vor dem nächsten Vollmond, gelangte es an ein großes Wasser, mitten darin ragte ein gewaltig hoher Felsen, der so steil und hoch war, dass kein Mensch ihn je hätte erklimmen können. Auf seinem Gipfel jedoch stand ein finsteres Schloss. Zwergenkind machte sich ein Lager zurecht, denn es wusste nicht, in welche Richtung es weitergehen sollte, da nun geradewegs nur das Wasser war und es am Weitergehen hinderte. „Das will ich morgen entscheiden“, dachte Zwergenkind bei sich und legte sich zur Ruhe.

Es wurde Nacht und der Mond ging auf. Plötzlich fuhr Zwergenkind erschrocken auf, denn es vernahm ein lautes Heulen, das kam von dem finsteren Schloss, das auf dem Felsen stand. Im selben Augenblick sah es einen riesigen Schatten die steile Felswand entlang geradewegs auf das Wasser zu und schließlich über das Wasser hinweg laufen. Zwergenkind erkannte den einäugigen Wolf und wollte sich verstecken. Eilig kroch es unter den schwarzen Umhang, den es bei sich hatte und sah, wie der Wolf an ihm vorbei in Richtung des Zwergendorfes rannte. Es wollte ihm nachlaufen, doch als es an sich hinunter sah, war es kein Kind mehr, sondern ein Rabe. Statt auf Beinen stand es nun auf Rabenfüßen, statt Armen streckte es erstaunt zwei schwarz glänzende Rabenschwingen empor. Da entschloss es, mit seinen Schwingen nicht dem Wolf hinterher, sondern über das Wasser und in das geheimnisvolle Schloss zu fliegen, aus welchem der Wolf gekommen war. „Das Unheil kann nur dort besiegt werden, wo es herkommt“, dachte es bei sich und schwang sich in die Luft.

Das Wasser war schwarz und der Mond spiegelte sich darin, als Zwergenkind darüber glitt und höher und immer höher flog, bis es endlich das Schloss erreichte, dessen Zinnen bis in die Wolken ragten. In einem kleinen Fenster im Turm brannte ein Licht. Leise setzte der Rabe sich auf den Fensterrand und lugte hinein. Darinnen war ein Zauberer, der ging unruhig in der Kammer auf und ab. In der Hand hielt er einen Zauberstab. Als er zum Fenster sah, entdeckte er den Raben, der da auf der Fensterbank saß. „Schau, was für ein prächtiger Vogel“, sprach er. „Du sollst in meine Dienste treten. Einen Diener wie dich kann ich gut gebrauchen.“ Zwergenkind flog zum Fenster hinein, setzte sich krächzend auf die Hutspitze des Zauberers und hielt sich dort fest.

Als es Morgen wurde, trat der Zauberer vor sein Schloss und Zwergenkind konnte sehen, wie der Wolf, der in der Nacht zum Zwergendorf gejagt war, über das große Wasser und an der steilen Felswand entlang wieder zum Schloss des Zauberers hastete. Sie gingen gemeinsam in den Keller, dort tat sich ein Gatter vor einem Verlies auf. Der große graue Wolf verschwand darin, sank erschöpft zu Boden und schlief ein. Sein Fell war nass vor Anstrengung und noch im Schlaf schnaubte und jappste er. Der Zauberer aber sprach zu Zwergenkind: „Das ist Wuduan, der einäugige Nachtwolf. Er ist mein treuer Diener, wie auch du es jetzt bist. In der nächsten Vollmondnacht wirst du ihn begleiten, denn du musst nun tun, was ich von dir verlange.“ Dann brachte er Zwergenkind in eine dunkle Kammer, in der es fortan bleiben musste, eingesperrt, wie es auch der schaurige Nachtwolf war.

Zwergenkind legte sein Rabenkleid ab und war nun schrecklich einsam. Es wusste nicht, wie lange es darinnen, in der dunklen Kammer verweilte, da es weder Tag noch Nacht in ihr zu geben schien, bis ihm endlich der Spiegel einfiel, an den es in all der Aufregung gar nicht mehr gedacht und den es achtlos in einer Ecke liegen gelassen hatte. Zwergenkind tastete im Dunkeln umher, erfühlte den magischen Zauberspiegel bald auf dem feuchten kalten Boden und schaute voller Hoffnung hinein, so gut es dies in der Dunkelheit vermochte. Es musste einfach herausfinden, was es anstellen sollte, um den Zauberer zu überlisten, den grausamen Wolf zu besiegen und das Zwergendorf von dem schrecklichen Fluch befreien zu können.

Da stand auf einmal eine Fee vor ihm, die trug ein Kleid aus glänzenden Schuppen, dass die Kammer von ihnen hell erleuchtet wurde, und sprach: „Zwergenkind. Nun bin ich wieder da. Ich war die Frau in der steinernen Rüstung und nun bin ich sie nicht mehr. Nimm meine Rüstung. Ich schenke sie dir.“ Zwergenkind nahm die steinerne Rüstung und ehe es ein Wort des Dankes verlieren konnte, war die schöne Fee verschwunden. Bald darauf kam der Zauberer zurück um Zwergenkind aus der Kammer zu holen. Hastig zog Zwergenkind sich den schwarzen Umhang über, auch die steinerne Rüstung verbarg es darunter, und ehe es sich versah, hatte es wieder seine Rabengestalt angenommen. Draußen konnte Zwergenkind sehen, dass ein runder, heller Vollmond aufgegangen war.

Die Nacht war gekommen, in welcher Zwergenkind das Schloss wieder verlassen und Wuduan, dem Nachtwolf, zum Zwergendorf folgen sollte. Und da sah es den Wolf, ein riesiges, tief graues Wesen mit messerscharfen Zähnen, das wild aus seinem einzigen feurigen Auge sah und schauderhaft den Mond an heulte, bevor es zum Sprung ansetzte, den Felsen hinunter und über das Wasser hinweg huschte und schließlich in der Dunkelheit verschwand. Zwergenkind breitete seine Rabenflügel aus und so schnell es konnte, flog es dem Ungetüm nach. Es war fest entschlossen, all dem Schrecken nun endlich ein Ende zu setzen.

Der Nachtwolf hatte das Dorf schon beinahe erreicht, als Zwergenkind über ihn hinweg flog und kreischend vor ihm landete, seinen Rabenumhang ablegte und, zwergenklein wie es war, in seiner steinernen Rüstung sich dem Ungeheuer in den Weg stellte. Der Nachtwolf hielt an und knurrte. Er fletschte seine großen Zähne und wollte Zwergenkind fressen. Doch die Rüstung war zu stark, sodass die Zähne des Wolfes sie nicht durchdringen konnten und das Tier jaulend zurückwich. Da ward es von einem Strahl des Mondlichts berührt und alles, was schrecklich an ihm war, fiel von ihm ab wie die Haut einer Schlange.

Wuduan war nun fast weiß, so hell leuchtete sein Fell im Licht des Mondes, und sein Blick war sanft und klar wie das Wasser eines Bergsees. „Du hast mich erlöst, kleines Zwergenwesen,“ sprach Wuduan zu Zwergenkind und seine Stimme war warm und tief, als wollte der Wolf es damit einhüllen wie in einen Mantel. „Vor vielen Jahren nahm der Zauberer mich in seinen Dienst, aus dem es kein Entrinnen gab, bis du in sein Schloss kamst und ihn in deiner Rabengestalt überlistet hast. Dass er deine wahre Gestalt nicht kannte, war dein großes Glück und meine Rettung.“ So sprach der einäugige Wolf und schaute Zwergenkind lange von oben bis unten an. Dann fragte er: „Wie kommt es, dass du deinem Vorgänger, den ich einst bei Vollmond nicht zu verschlingen vermochte, bis aufs letzte Härchen gleichst? Bist du gar das geheimnisvolle Zwergenkind, das mir vor zwei Monden so tapfer und schlau entwischen konnte?“

Zwergenkind sah den Wolf erstaunt an. Dann hüpfte es vor Freude darüber, dass sein Spiegelzwergenkind am Leben war und erklärte dem Wolf: „Das war mein Spiegelzwergenkind, das ich über alle Maßen lieb habe. Wenn du weißt, wo es ist, so bitte ich dich von ganzem Herzen: Zeig mir den Weg zu ihm!“ „Den kann ich dir wohl zeigen,“ antwortete der Wolf. „Ich jagte ihm nach bis zum schwarzen See, der das Schloss des dunklen Zauberers umgibt, in welchem jeder Zwerg verweilt, den ich einst verschlingen musste. Nur sind es nicht weiter kleine Zwergenwesen, sondern lauter goldene Fische. Die schwimmen nun im schwarzen See umher, wo der Zauberer sie gefangen hält. Dein Spiegelzwergenkind aber ist ins Wasser gesprungen, als es kein Entfliehen mehr gab. Nun lebt es gefangen bei den goldenen Zwergenfischen und bis heute, da du kamst um mich zu erlösen, gibt es keine Hoffnung für das arme Ding. Hinbringen kann ich dich schon, doch weißt du auch, wie du es retten willst?“ „Mein Zauberspiegel wird mir helfen. Hat er mir zweimal schon in der Not geholfen, so wird er es auch ein drittes Mal tun,“ versprach Zwergenkind und der einäugige Nachtwolf antwortete: „So sei es. Komm und steig auf meinen Rücken! Bis zum schwarzen See werde ich dich tragen!“ Der steinerne Zwergenritter kletterte auf den Rücken des großen Wolfes, hielt sich an seinem Fell fest – nie hatten seine Hände etwas weicheres berührt – und schnell wie der Wind sausten sie durch die mondhelle Nacht.

Sowie sie den schwarzen See erreichten, sprang Zwergenkind von Wuduans Rücken und sah in seinen Zauberspiegel. Erwartungsvoll schaute es sich um, wer diesmal erscheinen würde. Nichts geschah. Doch auf einmal begann der Spiegel in Zwergenkinds Hand zu zittern und aus seinem Inneren erklang die Stimme der glänzenden Fee: „Zwergenkind. Fürchte dich nicht. Ich war die Fee mit dem glänzenden Schuppenkleid und nun bin ich sie nicht mehr. Sieh, dies ist mein letztes Geschenk für dich.“ Und als Zwergenkind neben sich sah, lag da das Schuppenkleid auf der Erde. Es funkelte und glänzte, dass Zwergenkind blinzeln musste, um es ansehen zu können. „Bring den Spiegel in das Unterwasserreich und finde dein Spiegelzwergenkind. Aber gib Acht, dass du den Spiegel nicht verlierst. Du darfst ihn nicht aus der Hand legen, ehe du Spiegelzwergenkind gefunden hast,“ sprach die Stimme aus dem Spiegel. Die steinerne Rüstung behutsam abstreifend, schlüpfte Zwergenkind in sein neues Zaubergewand. Zwergenkind strahlte und glitzerte, als es an sich hinunter sah. Dann sah es seinen neuen Freund an. Wuduan regte sich nicht. Er konnte das Unterwasserreich nicht betreten.

Zwergenkind im Schuppenkleid schloss seine Augen, nahm Anlauf und sprang in die schwarze Tiefe. Bitterkalt fühlte es sich an, als Zwergenkind tiefer und immer tiefer sank. Als es die Augen aufschlug, ganz vorsichtig, da war es hell wie am Tag. Zwergenkind konnte das Wasser wie Luft ein- und wieder ausatmen und es konnte sehen wie an einem klaren Morgen nach einer verregneten Nacht. Bald sah es, wie sich ihm ein Schwarm aus unzähligen goldenen Fischlein näherte. „Spiel mit uns!“ riefen sie ihm zu und kitzelten es mit ihren Fischmündern und knabberten an seinem Schuppenkleid. „Spiel mit uns!“ riefen sie wieder und zogen Zwergenkind mit sich fort. Zwergenkind ließ es sich gefallen und lachte und tanzte mit den Fischen umher und merkte gar nicht, wie seine Hände den Zauberspiegel in die Wellen gleiten ließen.

Und wie es so spielte und den Fischlein folgte, fiel ihm das Spiegelzwergenkind wieder ein. „Nun will ich aber weiter in die Tiefe schwimmen und sehen, wo ich es finden kann,“ dachte es bei sich und schlängelte sich in seinem Schuppenkleid durch die helle und klare Unterwasserwelt. Hinter einem Felsen entdeckte es eine große Muschel. Die stand offen und in ihrem Inneren, dort wo man eine Perle hätte vermuten können, saß Spiegelzwergenkind. Es trug ein Glitzerschuppenkleid, genau wie Zwergenkind, und sah Zwergenkind freudig an, als es die Muschel erreichte. Das war eine Wiedersehensfreude! „Wo ist der Spiegel?“ fragte Spiegelzwergenkind. Der Spiegel! „Ich muss ihn verloren haben,“ sagte Zwergenkind betrübt und wollte sich alsgleich auf die Suche begeben, aber Spiegelzwergenkind sprach zu ihm: „Du wirst ihn nicht mehr finden können. Hast du ihn aus den Augen gelassen, so hat ihn nun der böse Zauberer. Wenn du mich erlösen willst, dann hole den Zauberspiegel zurück.“ Zwergenkind schwamm zum Ufer zurück, wo Wuduan, der Nachtwolf auf ihn wartete. Zwergenkind zog sich die steinerne Rüstung über das Schuppenkleid und legte darüber auch noch seinen Rabenumhang an. Dann breitete es abermals seine schwarzen Flügel aus und flog hinauf zum Schloss des Zauberers.

Der Zauberer sah den Raben kommen. „Was willst du kleines Tierchen denn noch hier? Hast du immer noch nicht verstanden, dass ich der größte Zauberer der ganzen Lande bin und keiner mich bezwingen wird, auch ein einfältiger Nachtwolf und sein noch einfältigerer Rabenfreund nicht?“ Zwergenkind zog den Umhang aus schwarzen Rabenfedern aus und trat als steinerner Zwergenritter vor den Zauberer. Dann sprach es: „Gib mir meinen Zauberspiegel zurück, den du gestohlen hast!“ Der Zauberer lachte, dass es durch alle Schlossgemäuer schallte. „Den Spiegel willst du haben? Dann hole ihn dir doch!“ Dann schwang er seinen Zauberstab, denn er hielt sich für das mächtigste Wesen der Welt und war sich seines Sieges gewiss.

Er murmelte einen Zauberspruch um Zwergenkind wieder in einen Raben zu verwandeln und für immer zu seinem Diener zu machen. Der Zauber prallte auf Zwergenkinds steinerne Rüstung und konnte sie nicht durchdringen. Stattdessen schnellte er zurück zum Zauberer. Dieser aber begann sich schreiend und bebend mitsamt seinem Schloss in eine schwarze Wolke aufzulösen, die rumpelnd und grollend gen Himmel und von Blitzen durchzuckt sich um abertausende Regentropfen erleichterte und unter Gepolter und Geflimmer für immer verschwand. Das Spiegelchen blieb zu Zwergenkinds Füßen liegen. Zwergenkind hob es auf, streifte seine Steinrüstung ab und stand nun im funkelnden Schuppenkleid da oben auf dem Felsen, wo einst das Schloss des Zauberers gestanden hatte. Nun sprang es in das schwarze Wasser und schwamm an den goldenen Fischen vorbei geradewegs zur großen Muschel hin. Die Muschel war leer. Zwergenkind erschrak. Schnell legte es das Zauberspiegelchen in das Innere der Muschel hinein, die sich sogleich fest verschloss. Und im selben Augenblick, da die Muschelschalen sich verschlossen, fiel Zwergenkind in einen tiefen Schlaf.

Als es erwachte, strahlte ihm die helle Sonne ins Gesicht und es lag auf einer grünen Wiese am Ufer des schwarzen Sees. Nur war dieser nicht länger schwarz, sondern tief blau und klar, dass es bis auf den Grund blicken konnte. Der Felsen in seiner Mitte aber war verschwunden. Neben Zwergenkind saß Wuduan, der einäugige Nachtwolf, und bewachte seine drei Zaubergewänder: den Umhang aus schwarzen Rabenfedern, die steinerne Rüstung und das Kleid aus glänzenden Schuppen. Auf der Wiese sprangen unzählige kleine Zwerge umher, die riefen: „Zwergenkind! Wir danken dir von ganzem Herzen! Du hast uns alle erlöst. Der böse Zauber ist vorbei. Nun können wir in unser Dorf zurückkehren.“ Da merkte Zwergenkind, dass es gar nicht mehr klein war wie sie. Es war groß geworden wie ein Mensch und musste sich nun bücken, um mit den Zwergen sprechen zu können.

Da erkannte es auf einem Stein sitzend sein Spiegelzwergenkind. Es war auch groß geworden wie Zwergenkind, doch trug es noch immer sein Schuppenkleid. „Zwergenkind. Kehre zu den deinen zurück,“ sprach es, „ich kann nicht länger bei dir bleiben. Mein Reich ist dieses Wasser hier, zu dem du jederzeit zurückkehren kannst, wenn du dich nach mir sehnst. Dafür hast du jetzt dein Schuppenkleid.“ Schweren Herzens nahm Zwergenkind Abschied von Spiegelzwergenkind und gemeinsam mit seinem Freund Wuduan, begleitete es das kleine Zwergenvolk zurück zum Zwergendorf. Doch auch dort wollte es nicht länger verweilen, nun, da es groß geworden war. Es nahm seine Zaubergewänder und schwang sich auf den großen weichen Rücken des weißen Nachtwolfes. Eine rote Abendsonne berührte die Erde am Horizont. Die Zwerge winkten Zwergenkind noch lange nach, das ritt nun fort und neuen Abenteuern entgegen.

Ende

Dieses Märchen war eine Auftragsarbeit zum Thema Kummerbewältigung.

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Shalom,

Eure Nicole

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