Achtsamkeit Märchen als Weg

Durch die Nacht mit Sherlock Holmes … und meinem inneren Kind

Letzten Monat starben Sherlock Holmes und Dr. Watson. Zumindest für jene, die, so wie ich, die Hörspielreihe von maritim lieben.
Dieser Hörspielproduzent hat es fertig gebracht, das gesamte literarische Werk Arthur Conan Doyles um die Figur Sherlock Holmes in Hörbücher umzusetzen. Für die Hauptfiguren wählten die Macher zwei der charakteristischsten Synchron- und Hörspielsprecher Deutschlands aus: Christian Rode als der Detektiv und Peter Groeger als Dr. Watson. Nun sind beide Schauspieler im hohen Alter innerhalb kürzester Zeit verstorben.

Wie kann das sein?

Außerdem starb meine Oma väterlicherseits vor einigen Tagen. Als ich davon erfuhr, nahm ich es relativ unbewegt auf. Ich hatte kaum Kontakt zu ihr und hatte sie seit fast acht Jahren nicht mehr gesehen.

Als ich dann jedoch am folgenden Abend vom Tod der beiden Hörspielsprecher las, hatte ich mit den Tränen zu kämpfen. Und ich fragte mich: Wie kann das sein? Warum bewegt mich das Schicksal dieser eigentlich fremden Menschen mehr als das meiner eigenen Oma?

Springen wir ins Jahr 2013. Ich war zu der Zeit Student im Masterstudiengang Structural Engineering und unsere zweite Tochter Josephina, war im Mai geboren worden.

Fertig, einfach nur fertig.

Uns ging zu der Zeit das Geld aus. Ich hatte schon seit einiger Zeit damit zu kämpfen, mein Studium zu beenden. Ich wusste zu der Zeit nicht, dass ich es einige Zeit später abbrechen würde, weil ich erkennen würde, das dies nicht mein Weg ist.

Aber zur damaligen Zeit stand ich wie gesagt unter großem Druck. Nicht nur die Geldfrage, die Prüfungen und die üblichen Umstände, die ein neuer Mensch in die Familie bringt, hielten mich auf Trab. Gleich nach der Geburt erkrankte Josephina schwer und musste zusammen mit meiner Frau ins Krankenhaus.
Wir waren fertig.
Ich war fertig.
Es war eine scheiß Zeit.

 

Christian Rode und Peter Groeger 2015

60 Stunden in London

Unsere kleine Josi konnte nicht gut schlafen. Wahrscheinlich spürte sie die Anspannung. Die Erschöpfung. Das Unglück.
Es half ihr, wenn ich mit ihr im Tragetuch spazieren ging. Und so lief ich. Manchmal die halbe Nacht durchquerte ich die dunklen Straßen von Cottbus. Ich gewöhnte es mir an, mit dem Handy beim Laufen Hörspiele zu hören. Sherlock Holmes.
Ich habe die 53teilige Serie in einem Jahr durchgehört. Das sind um die 60 Stunden, die ich im Jahr 2013 mit Josi im Tragetuch nachts durch Cottbus spazierend im victorianischen London verbracht habe. In der Baker Street an der Seite des Detektivs und seines Assistenten. Die Stimmen wurden mir vertraut und trösteten mich. Sie gaben mir Kraft und brachten mich zum Lachen. Sie waren eine der wenigen Ressourcen, die ich in dieser Zeit hatte.

Ressourcen und das innere Kind

Von Ressourcen spreche ich hier im Zusammenhang mit dem inneren Kind. Unser inneres Kind ist das Ergebnis unserer Kindheitserfahrungen und spiegelt unsere emotionalen Zustände und Bedürfnisse. Es kann vorkommen, dass wir diese Bedürfnisse übersehen. Zum Beispiel, weil unsere Eltern sie übergangen sind und wir so von ihnen gelernt haben mit uns selbst umzugehen. Dann ist es so, dass der logische und vernunftbezogene Teil in uns, der innere Erwachsene, sich nicht mit den Verletzungen, die das innere Kind hat, auseinandersetzt.

Dann jedoch lassen wir unser inneres Kind im Stich. Das Ergebnis ist ein tiefes Unglück, das wir empfinden und uns selbst antun. Unserem inneren Kind hilft es, wenn wir ihm lauschen und auf es eingehen. Und wenn wir ihm verlässliche Kraftquellen bieten, die ihm zeigen, dass das Leben schön ist. Auch in schweren Zeiten. Gerade in diesem Punkt sollten wir sehr sensibel sein. Unser Partner zum Beispiel kann solch eine Kraftquelle sein. Aber er kann wegbrechen und unserem inneren Erwachsenen muss dies bewusst sein. Er muss das innere Kind davor bewahren, sich von solchen Ressourcen so abhängig zu machen, dass es ohne sie zugrunde geht. Wahre Ressourcen sind unbedingt beständig und unserer innerer Erwachsener tut gut daran, darauf zu achten, dass sie für das innere Kind zur Verfügung stehen.

Danke

Eine verlässliche Ressource waren deshalb in der schweren Zeit 2013 die Hörspiele von Sherlock Holmes mit Christian Rode und Peter Groeger. Mein innerer Erwachsener hat meinem inneren Kind im Hören dieser Geschichten die Sicherheit gegeben, die es nicht aus den Kindheitserfahrungen schöpfen hatte können. Wie ich meine Tochter im Tragetuch trugen ihre Stimmen mein inneres Kind durch die Nacht.

Danke für die schönen Stunden, lieber Herr Rode, lieber Herr Groeger. Ihr Werk bedeutet meinem inneren Kind viel und hat uns beide durch eine schwere Zeit getragen. Und ich habe von vielen Menschen gelesen, denen es so geht, wie mir. Sie werden uns allen sehr fehlen.

In Gedenken und großer Dankbarkeit,
Shalom,
Ihr Mathias

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