Was soll das mit der anderen Backe, Jesus?

Jesus hätte das als bekloppt erachtet. Da bin ich mir sicher. Wenn die Frage nach der Nächstenliebe erörtert wird, ist dies eine der häufigsten Fragen: “Was soll das mit, ‘Wenn dich einer auf die eine Backe schlägt, halte ihm auch die Andere hin.’?”
Soll ich mir alles gefallen lassen, oder was? Soll ich mich bestehlen lassen oder verprügeln und noch lächelnd “Danke!” sagen?

„Darum geht es doch gar nicht!“ hätte Jesus vielleicht gerufen.

Hat diese Aufforderung von Jesus überhaupt irgendetwas mit UNS zu tun, seien wir nun Christen oder nicht?
Ich denke: Auf jeden Fall! Und wenn wir den ganzen Weg gehen, kann es uns zu einer neuen Qualität in unseren Beziehungen verhelfen.
Fragen wir also: Warum, verflixt, hat Jesus so etwas gesagt?

Wie kommt er auf sowas?

Jesus ist Jude gewesen. Das Judentum ist eine Religion, für die ihr heiliges Buch, die Thora, zusammen mit Kommentaren wichtiger Rabbiner und Gelehrter, die Grundlage allen Handelns bildet. In ihr findet sich auch die Geschichte, wie Moses die Juden aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat. Danach hat er von Gott das Gesetz erhalten, eine Sammlung Regeln, Verbote und Gebote, an die sich die Juden halten sollten. Und darin findet sich folgender Satz:

“Auge um Auge, Zahn um Zahn.”

Heutzutage wird dieser Ausspruch oft als Motor einer Gewaltspirale gedeutet.
“Ich zahle dir alles heim, was du mir antust.” RACHE!!!

Dieser Satz sollte jedoch eher zum Frieden beitragen. Er forderte zum richtigen Maß auf. Es sollte Gerechtigkeit herrschen, nicht die Rachelust. Wenn mein Nachbar eine meiner Kühe umbringt, kann ich nicht hingehen und zur “Strafe” seine gesamte Herde auslöschen. Verhältnismäßigkeit war angesagt. Somit bildet dieser Satz eigentlich die Grundlage moderner Rechtsprechung. Für damalige Zeiten eine sehr fortschrittliche Angelegenheit.

Tausende Jahre später sagt Jesus nun:

“Ihr habt gehört, dass da gesagt ist: “Auge um Auge, Zahn um Zahn.”
Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar. Und so jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und so dich jemand nötigt eine Meile, so gehe mit ihm zwei.”

Was für ein Unsinn, Jesus!

Das klingt völlig ungerecht, nicht wahr? Ja, denn es geht gar nicht um Gerechtigkeit, es geht um Empathie und echten Frieden.
Wenn ich immer darauf aus bin, dass das Unrecht, das mir zugefügt wird, ausgeglichen wird, werde ich nie herausfinden, warum mein Gegenüber handelt, wie es handelt.
Aber darum geht es. Niemand greift an, weil er gerne brutal ist. Dein Partner verletzt dich nicht, weil er dich gerne leiden sieht.
Wut und Aggression hat meist nur eine Ursache: Angst. Besonders oft: Die Angst, nicht gesehen zu werden.

Versetz dich einmal in denjenigen, der dem Anderen schadet: Du hast das Gefühl, die Welt ist gegen dich und du bist allein. Du schlägst um dich, weil du Angst hast, verletzt zu werden. In diesem Zustand ist plötzlich jemand da, der nicht deinen Angriff sieht, sondern dir sagt: Wovor hast du Angst? Ich bin für dich da, keine Sorge. Erzähl mir, was dich verletzt!

Das Bild, zwei Meilen statt einer mitzugehen, ist da wunderschön. Jeder Mensch hat seinen Lebensweg, der ihn zu dem gemacht hat, was er jetzt ist. Wenn wir ihn verstehen wollen, müssen wir uns in ihn hineinversetzen, seinen Weg nachempfinden. Was dann entsteht, ist echtes Verständnis.

Wahrer Frieden!

Wahre Versöhnung

Es hilft mir jedes einzelne Mal, wenn ich mir die Bedürfnisse bewusst mache, die in den Angriffen und der Wut meines Gegenübers liegen. Jedes einzelne Mal kann ich nur so einen festgefahrenen Streit beenden. Dann auf einmal ist tiefer Friede da und eine Nähe, die vorher nicht möglich war.

Und darum geht es immer: Nähe, Liebe und Frieden.

PS: Ich weiß, da bleiben Fragen offen. Stellt eure gern in den Kommentaren. Wir gehen bald darauf ein. Versprochen!

Shalom,

Euer Mathias

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