Telegramm: Eine kleine Sternstunde …

Als die Lichter ausgingen, gingen die Augen auf. Gestern brauste ein Orkan über Norddeutschland hinweg. Er forderte große Schäden ein. An Autos, Häusern, Bäumen und leider auch an Menschen. Hier, in Kiel, nicht weit von uns entfernt, fiel eine Ampelanlage aus. Das ist nicht weiter schlimm, im Vergleich. Aber was, wenn es sich um eine große Kreuzung handelt, in die die Autos aus sieben (!) Richtungen einströmen?
Meine Frau wollte unsere kleine Tochter aus der Kita abholen. Schlafwandlerisch wie immer fuhr sie die Strecke, bis sie auf einmal sah, wie sich vor ihr alles staute. Die Ampeln waren ausgefallen. Doch es war zu spät, umzudrehen und zurück zu fahren, einen anderen Weg zu nehmen. 3 Spuren voll. Alles tuckerte und trieb vorwärts. Also musste sie sich der Herausforderung stellen. Das Herz klopfte und die Hände wurden feucht. Die Kreuzung ist riesig und von überall kamen Autos. So tastete sie sich voran.

Sternstunde

Sprechen ohne Worte

Ein Stück vor, Sichtkontakt, ein Stück vor, Sichtkontakt. Sie sprach ohne Worte, nur mit Blicken und ihren Händen. Sie bekam Antworten mit den selben Mitteln. Wildfremde waren verbunden darin, diese verflixte Situation jetzt irgendwie zusammen überstehen zu müssen.
Bald hatte sie es wirklich geschafft! Das Erlebnis war so beeindruckend gewesen, dass sie sich schon fast auf den Rückweg freute, um diese Erfahrung noch einmal machen zu dürfen. LEIDER funktionierten da die Ampeln aber wieder.

Eine Sternstunde

Wir rauschen Tag für Tag aneinander vorbei. Ohne uns ins Gesicht zu schauen, miteinander zu kommunizieren oder im Moment zu sein. Oft liegt es an den Autoritäten, denen wir unser Leben unterordnen: Termine, Busfahrpläne, Arbeitszeiten. Technische Sklaventreiber wie Handys, Laptops. Ordnungswahrer wie Zebrastreifen, Uhren und … Ampeln.
Als letzteres ausfiel, konnte es zu einer Sternstunde kommen: Ein riesiger Haufen Blech und Stress wurde zu einem fliesenden Organismus. Jeder war im Jetzt, im Hier. Und das war gut so. Und es war schön so. Eine Kreuzung ist nichts, an das man sich erinnert, am Abend, am nächsten Tag. Diesmal jedoch war alles anders.
Der Wegfall der Autoritäten hatte das möglich gemacht.

Als die Lichter ausgingen, gingen die Augen auf. Und am Ende auch die Herzen.

Shalom,

Euer Mathias

PS: Bitte unbedingt dieses Lied hören!

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: