Tischlein deck dich - Die Reise zu mir

Tischlein deck dich – Die Reise zu mir

Eines der bekanntesten und beliebtesten Märchen in Deutschland ist “Tischlein deck dich, Eselein streck dich, Knüppel aus dem Sack”. Es wird in Schulen und Kindergärten als Theaterprojekt rauf und runter gespielt und ich kann mich an die Tage erinnern, an denen ich als 7-Jähriger im Wildpark war. Da stand ich am Gehege der Esel und flüsterte “Eselein, streck dich…” vor mich hin. Denn, es hätte ja sein können …
Für mich ist dieses Märchen eine Geschichte, in der es um Vergebung geht und darum seinen Weg und seinen Selbstwert zu finden.

Wovon soll ich denn satt sein?

Wir begegnen einer ganz und gar männlichen Familie. Ein Vater, seine 3 Söhne. Eine Mutter ist nirgends in Sicht. Dafür haben sie eine Ziege, die scheinbar überaus wichtig ist, weil sie alle mit Milch ernährt. Es mag albern klingen, aber wenn diese Geschichte das Bild einer realen Familie darstellt, dann haben wir hier eben vielleicht doch die Mutter in einer sehr bildlichen Form. So unschlüssig ist dieses Bild nicht, wenn wir sehen, was die Ziege tut. Wenn sie mit den Söhnen zusammen ist, verspricht sie diesen nach dem langen Fressen auf den Wiesen des Dorfes, endlich satt zu sein. Wenn jedoch der Vater, voller Misstrauen gegenüber seiner Söhne in den Stall tritt, heißt es “Wovon soll ich denn satt sein …”

Besonders in Familien mit dominanten Vätern beobachten wir Mütter, die als Vermittler auftreten wollen. Allein mit den Kindern reden sie diesen gut zu. Versprechen ihnen, sie gut zu verstehen. Dass z.B. der Vater wirklich nicht leicht sei. Sobald jedoch dieser Patriarch im Raum ist, ist die Angst zu groß, für die Kinder einzustehen. Freilich sind diese Familienkonstellationen heutzutage seltener geworden, ich selbst habe Züge davon jedoch in meiner Großeltern-Generation noch erleben dürfen.
Hier im Märchen wird uns zusammen mit dem dominanten, patriarchischen Vater auch gleich noch die Begründung für dieses Rollenmuster mitgeliefert: Es ist die Angst, die notwendige Nahrung nicht zu erhalten, die zu hartem Verhalten führt. Jeder in der Familie hat eine Aufgabe, ist ein Rädchen im Getriebe. Es darf niemand ausfallen oder straucheln. Wenn die Ziege keine Milch mehr gibt, dann ist das der Untergang!

Gerade wenn man 2-3 Jobs ausführen muss, weil sonst das Geld nicht reicht, ist jede Krankheit, jedes “spezielle Problem” eine Katastrophe. Die pure Existenzangst macht unerbittlich mit sich selbst und seinen Familienmitgliedern. Was darunter leidet, ist der Selbstwert aller Familienmitglieder.
Kinder können das jedoch nicht einordnen. Die Söhne sehen einen prügelnden Vater, dem die Ziege wichtiger ist, als seine Kinder. Bis zu einem gewissen Alter stellen Kinder ihre Eltern nicht infrage. So wird es zur allgemein gültigen Wahrheit: Wenn mein Vater zornig ist, dann muss ich Schuld haben. So wehren sich die Söhne im Märchen auch nicht. Wie auch, wenn der Stock droht, sobald es gilt, für die eigene Integrität einzustehen. Wenn die Eltern beschlossen haben, zum Beispiel eben aus purer Angst, Grenzen zu setzen, auf Teufel komm raus. Dann haben Kinder meist keine Chance mehr. Jeder “Aber” ist eine Infragestellung der Autorität der Eltern und somit nicht akzeptiert.

Die Reise der Söhne

Die Söhne gehen bei einem Schreiner, einem Müller und einem Drechsler in die Lehre. Alle drei erlernen ihr Handwerk, was jedoch am Ende wichtig ist,für die ersten zwei Söhne, sind ein Zaubertischchen, das Essen hervorzaubert und ein Esel, der Gold … scheißt.
Beides sind Dinge, die für materiellen Wohlstand stehen. Es drängt sich jedoch der Verdacht auf, dass die beiden älteren Söhne innerlich kaum eine Entwicklung durchgemacht haben. Als sie nämlich mit ihren Wundersachen beim Vater auftauchen, haben diese ihre Zauberkraft verloren, indem sie zuvor von einem gierigen Wirt vertauscht worden sind.
Manchmal offenbart sich der Generationenkonflikt darin, dass wir meinen: “Wenn ich nur richtig Erfolg habe, mit dem was ich tue, dann werde ich es meinem Vater/meiner Mutter schon zeigen.”

In einem gewissen Entwicklungsschritt ist dies auch notwendig. Aber es kann passieren, dass dieser Schritt nicht vollständig getan wird und in Folge alles passiert in Bezug auf die Eltern. Entweder in Zuspruch oder in Ablehnung. In jedem Fall jedoch bleibt man abhängig, von der Meinung des Vaters/der Mutter.
Ich habe ebenfalls einige große Entscheidungen im Leben getroffen, und je nachdem, um was es sich handelte, fiel es mir leicht oder schwer, meine Mutter anzurufen und ihr diese Entscheidungen mitzuteilen. Warum eigentlich? Nur, weil sie eine nahestehende Person ist? Oder weil ich noch immer von der Anerkennung dieses Menschen abhängig bin?

Was ist echte Entwicklung?

Es offenbart sich dann eben auch schnell: Meine äußeren Fortschritte sind nichts wert, weil ich, sobald ich in der alten Heimat bin, in alte Strukturen zurückfalle. Meine Entwicklung hat dann eben nur äußerlich stattgefunden. Innerlich schlummert in mir noch immer ein ängstlicher, unselbstständiger kleiner Junge. (Oder ein Mädchen)
Erst der dritte Sohn scheint den notwendigen Schritt zu tun und erlöst damit seine gesamte Generation in der Familie. Er bekommt einen “Knüppel aus dem Sack”. Freilich bedeutet das jetzt nicht, dass es gut sei, mit bloßer Gewalt seinen Willen durchzusetzen. Viel mehr steht der Knüppel für die innere Durchsetzungsfähigkeit des Jungen. Nach außen hin wertlos, schafft er es mit dessen Hilfe, auch den Wert der Gegenstände der Brüder zurückzuerobern. Nicht nur das, auf diese Weise erlöst er auch seinen Vater aus der Existenzangst.

Er heilt die Beziehungen in der Familie, in dem er lernt, für sich einzustehen. Er versteht es, seine Bedürfnisse klar zu äußern. Der Sohn tritt freien Herzens für die Menschen ein, die er liebt. Und er kehrt nicht zum Vater zurück, um ihm zu zeigen, wie achtenswert er inzwischen ist. Das hat er nicht nötig, denn ihm ist sein Selbstwert durchaus bewusst.

Selbstwert

Mein Selbstwert

Auch ich habe das in meinem Leben beobachten dürfen: Je mehr ich es gelernt habe, mich selbst anzunehmen, um so besser gelangen auch die Beziehungen zu meiner Familie. Ich muss mir nicht die Bestätigung von meinen Eltern holen, denn ich weiß bereits: Es ist gut, dass ich da bin. Ich bin wertvoll, einfach weil ich da bin.
Was macht es mit dir, wenn du dir sagst:

“Es ist gut, dass ich da bin. Es ist gut, wenn ich meine Bedürfnisse äußere. Ich habe einen Platz auf dieser Welt.”

Es wird sehr still, nicht wahr? Es fühlt sich sehr friedlich an. Diesen Frieden wünsche ich dir, jeden Tag neu!
Bricklebritt!

Shalom,
Dein Mathias

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: