Gastbeitrag: Wie ich die Erziehung meiner Eltern überwand – und ganz damit aufhörte

Heute lest ihr hier einen Beitrag von Ruth von unerzogenleben.de! Ich wünsche euch viel Freude:

Ich hatte es gut. Fand ich.

Ich bin in den späten 80ern geboren. Meine Eltern gaben sich enorme Mühe, mir, der ungeplanten Nachzüglerin, zu vermitteln, dass ich willkommen war. Ich wurde nicht geschlagen (außer einmal und das tat meinen Eltern aufrichtig leid), wir aßen Bioessen, bevor es hip wurde und ich war auf der Waldorfschule, zu der ich nur ging, wenn ich musste. Meine Eltern interessierten sich für ihre Kinder, wollten ihnen Bildungschancen geben, waren gebildet, weiß und nicht arm – ich hatte es gut.

Die andere Seite dieses ‚ich hatte es gut‘ ist, dass die erzieherische Gewalt, die ich erfahren habe, die kleinen Gesten, die strukturelle Gewalt, derer sich Erziehung gekonnt bemächtigt, schwer zu benennen und damit schwer zu bearbeiten sind.

Meine Eltern waren ihrer Zeit weit voraus, was Erziehung angeht. Sie taten oft das, was heute wieder hip ist: Sie erzogen nett. Sie waren, wie mein Sohn mal so passend über eine Familie anmerkte, die dieser Idee von Erziehung nachhängt, ‚leise gemein‘.

Leise gemein bedeutet, dass Emotionen nicht unterdrückt, sondern weggelächelt werden. Dass die Dinge nicht weggenommen, sondern durch ‚Absprachen‘ weggehandelt werden. Das Schlimme daran ist, dass das Kind genau so wenig eine Chance hat, als würde ich es wegnehmen. ‚Leise gemein‘ negiert die Macht und wendet sie gleichzeitig an.

Das macht es unglaublich schwer, sie zu durchschauen. Etwas, irgendetwas scheint nicht in Ordnung – aber hey, ich habs doch gut. Meine Eltern sind doch nett! Bis heute wird ca. ein Drittel der Kinder geschlagen. Das war in den Neunzigern eher mehr als weniger – und ich erfuhr das als Kind, auch wenn ich das Zucken meiner Freund*innen und die drohend erhobene Hand ihrer Eltern erst viel später einordnen konnte in ihrer Tragweite und Kälte.

Wer war ich, mich zu beschweren?

Die eigenen Kinder…

Als ich Kinder bekam, machte ich also da weiter, wo meine Eltern aufgehört hatten. Und bekam sehr schnell mit, dass das, was ich als nicht so schlimm empfunden hatte, in mancherlei Hinsicht extrem problematisch war.

Ich hatte keine Möglichkeiten, ’negative‘ Gefühle auszudrücken. Genau wie viele Eltern heute, die zu mir kommen, versuchte ich ’nett‘ zu sein. Meine Kinder spürten sofort, dass ich nicht authentisch war und reagierten. Und ich wurde wütend. Meine einzige Möglichkeit mit mir selber in Verbindung zu kommen, war diese Wut. Erst viel später verstand ich, welch ein Geschenk sie war.

Meine Kraft war äußerst begrenzt. Ich war sehr schnell erschöpft. Schließlich verglich ich mich ständig mit unglaublich hohen Elternstandards. Immer nett und freundlich sein, war irre anstrengend.

Ich konnte nicht nein sagen. Das war eines der größte Probleme in all meinen Beziehungen. Nein zu sagen – und zwar freundlich und absolut klar und ohne schlechtes Gewissen – ist die echte Revolution gewesen. Nein zu sagen, ermöglichte es mir erst, ja zu sagen.

Der Weg führte mich aus der Erziehung raus. All das was ich oben beschrieb, sind Erziehungsprobleme – mangelnde Authentizität ist ihr Markenzeichen, beschränkt sie menschliche Interaktionen doch auf einen Verwandtschaftsgrad, anstatt sie als lebendige Beziehungen zu begreifen.

Aufhören tat ich, indem ich mich beobachtete. Nein, nicht ein paar Tage. Ein paar Jahre. Ich schaute mich an, so ehrlich ich konnte – wer war ich hinter dem erschöpfenden Versteckspiel? Wo wollte ich wirklich nein sagen und was war mir wirklich wichtig? Und wo regierte mich die Angst oder das ‚das macht man so‘?

In dieser Zeit suchte ich mir auch therapeutische Hilfe. Das empfehle ich auch. Denn das ist genau der Blick der hilft – neugierig, fragend, beobachtend.

Beobachten …

Allein das Beobachten eliminierte einen Großteil meiner Probleme mit meinen Kindern. Haushalt? Hab ich eigentlich gar keinen Bock drauf, lass ich halt bleiben. Aufräumen? Mache ich selber. Alles, was im Weg stand, waren Ideen, wie ich zu sein hatte. Wie Kinder zu sein hatten. Wie das Leben zu sein hat. Und da diese Ideen mir wehtaten und Stress brachten, ließ ich sie los.

Was übrig blieb, waren die Baustellen. Die Themen, die in unserer DNA zu stecken scheinen, und die wir, wie ich mittlerweile glaube, unser Leben lang bearbeiten dürfen. In unterschiedlichen Situationen und aus unterschiedlichen Blickwinkeln, aber eben die gleichen.

Bei denen brauchte ich mehr als Beobachtung. Ich brauchte Alternativen – zum Ausrasten und Schreien zum Beispiel. Konkrete, für mich machbare (!) Alternativen. Ich brauchte den kreativen Austausch zum Thema und den nicht erziehenden Blick anderer, um auf neue Ideen zu kommen. Ich brauchte enorm viel Sanftmut und Freundlichkeit mit mir und meinem Weg.

Diese Themen ließ nicht ich los, sie ließen MICH los. So fühlte es sich an. Erst neulich rannte eines meiner Kinder auf der Flucht vor dem anderen an mir vorbei – ich hinderte das andere Kind am weiter rennen, nahm es in den Arm und hörte mir das empörte Stammeln über die vermeintlichen Angriffe an, die es erlebt hatte. Und fütterte es. Weil: Bedürfnisse. Hunger ist so eines, dass die freundlichsten Menschen wild macht.

Und hinterer fiel mir auf, dass ich das schon einmal so gemacht hatte. Und davor schon einmal. Noch vor einem Jahr wäre das undenkbar gewesen. Und ich fühlte mich ohnmächtig und hilflos. Aber mit dem, was ich oben schrieb – konkrete Alternativen, Austausch für Ideen und Selbstfürsorge – konnte mich das Thema ein bisschen loslassen. Es ist noch da, so ganz generell. Aber ein bisschen anders. Ein bisschen tiefer gesackt.

Loslassen …

Es klingt so leicht und flockig, aber dieser Weg bedeutet ständige Aufmerksamkeit. Das wunderbare daran ist, dass das genau das ist, was dich psychisch gesund macht: Achtsamkeit auf dich und deine Welt. Ohne Erziehung leben, bedeutet alles anzunehmen wie es gerade ist und damit zu arbeiten. Es ist loslassen. Ja, es ist enorm schmerzhaft manchmal, so wie für mich als die vermeintlich sanften Methoden meiner Kindheit ihr hässliches Haupt hoben und die Verletzung, die ich erlitten hatte, nicht mehr relativiert, sondern angenommen werden wollte. Aber das ist es verdammt nochmal wert. Und nichts anderes verändert nicht nur wer wir sind und ob wir wirklich glücklich leben, sondern auch und ganz fundamental die Beziehung zu unseren Kindern. Und damit die Welt.

 

Über die Autorin:

Ruth, Mutter dreier Kinder, Bloggerin, Unternehmerin und Soziologin. Sie lebt ohne Erziehung und gärtnert gern – wenngleich bisher recht erfolglos… Ihre Vision: Mehr Menschen, die sich gewaltfrei begegnen – ungeachtet ihres Alters.

Ruths Blog:

www.unerzogenleben.com

Die Elternakademie „Der Kompass“

 

 

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