Die böse Stiefmutter

Märchensymbole: Warum die Stiefmutter eine Lüge ist!

Die Stiefmutter ist immer die Böse. Das haben uns ja wohl die Märchen gelehrt, oder? Selbst heutzutage scheint es einigen Müttern, die später in eine Familie kommen, nicht recht zu sein, diese Rolle einzunehmen. Diese Figur ist nahezu negativer besetzt als die Hexe, der böse Wolf oder manch andere grausige Gestalt, die sich in den Wäldern und Dörfern der Märchen tummelt.
Wenn ich überlege, in welchen Märchen eine bösartige Stiefmutter vorkommt, die scheinbar früher oder später nach dem Leben ihrer nicht-leiblichen Kinder trachtet, fallen mir sofort so einige ein: Aschenputtel, Brüderchen & Schwesterchen, Hänsel & Gretel, Frau Holle, Schneewittchen.

Alles Lüge!

Das ist schon eine beachtliche Liste. Noch beachtlicher ist jedoch, dass wir hier einen ordentlichen Bären aufgebunden bekommen, den gerade in den letzten drei genannten Märchen ist erwiesen, dass es sich da um gar keine Stiefmutter handelt. In den ursprünglichen Fassungen (von 1812) sind es nämlich die leiblichen Mütter, die ihre Kinder im Wald aussetzen, in den Brunnen springen lassen oder gleich vom Jäger erstechen lassen wollen.

Das stößt uns jetzt etwas vor den Kopf, nicht wahr? Die Gebrüder Grimm haben wohl im Laufe des Aufbaus ihrer Märchensammlung ein wenig Muffensausen bekommen, und so eine moralisch korrektere Version des Konfliktes gesponnen. Denn die Mutter ist eine traditionell moralisch unangreifbare Lichtgestalt.
An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Vorstellung, die beiden Brüder seien in irgendwelchen Dörfern von Haus zu Haus gezogen und hätten die Märchen von alten zahnlosen Mütterchen notiert, unverändert und Wort für Wort, natürlich nicht stimmt. Die Märchen, wie wir sie heute kennen sind teilweise eine wilde Mischung aus verschiedenen Motiven, die zu neuen Geschichten zusammengesponnen worden.
Aber zurück zu den Stiefmüttern. Was können wir daraus schließen?

Das Monster im eigenen Heim

Was uns die Märchen mitteilen wollen, ist: Manchmal können unsere eigenen Eltern uns sehr unheimlich, bedrohlich und sogar gefährlich werden. Damals war dies ein klar sichtbarer, weil gesellschaftlicher Umstand. Die Familien waren in ein strenges Korsett geschnürt. Ein Kind, das aus der Reihe tanzt, konnte nicht damit rechnen, auf Akzeptanz oder Empathie zu stoßen. Diese Wand aus gesellschaftlichen und religiösen Regeln kann grausam auf ein Kind wirken, besonders wenn die Persönlichkeit der Eltern hinter ihnen einfach verschwand. (siehe auch hier)

In unserer heutigen Zeit äußert es sich jedoch anders, wenn die Mutter zur „bösen Stiefmutter“ wird. Wie schon bei der Analyse von Hänsel & Gretel gesehen (Link), kann eine solche Figur darauf hindeuten, dass die gute Mutter sich selbst nicht mehr ähnlich, ja fremd geworden ist. Das können vor allem Kinder von depressiven Müttern sehr nachvollziehen. Auch Frauen, die eine Borderline-Störung aufweisen oder posttraumatische Symptome haben, können für ihre Kinder zu unheimlichen Hexen mutieren. Dabei kommt ein anderer Aspekt ins Spiel, der oft mit der Stiefmutter im Märchen mit einhergeht: Ein nahezu nicht vorhandener Vater. Die Väter kommen in den Geschichten meist nur als Stichwortgeber vor, sie sind so unbedeutend, dass sie in manchen filmischen Interpretationen auch einfach wegsterben. Auf dem ersten Blick ist das ja auch eine unhaltbare Situation: Warum greift der Vater nicht ein, wenn seine Ehefrau das Kind zum Aschenputtel oder ihm das Leben zur Hölle macht?

Das Kind einer "Stiefmutter"

Es ist oft nicht nur eine Person…

Die Gründe sind sicher von Familie zu Familie unterschiedlich, aber meist ist diese Dysfunktionalität im familiären System nicht ausschließlich auf eine Person zurückzuführen. Ein abhängiger Mann wird sich wahrscheinlich eine (krankhaft) narzisstische Frau suchen und unter ihr noch kleiner werden. Der Ehemann könnte selbst nicht stabil genug sein, um mit der Depression seiner Frau umzugehen.

Manche Aschenputtel-, Hänsel-, Gretel- und Schneewittchen-Kinder wissen leider gar nicht, dass sie ihren Alter Egos aus den Märchen entsprechen. Denn genau wie im Märchen haben sie ihre Kindheit unmittelbar erlebt. Sie haben wahrscheinlich nie das Handeln ihrer Eltern infrage gestellt.
Abgesehen davon, beschränkt es sich gar nicht nur auf die leiblichen Eltern. Eine Mutter, bzw. Stiefmutterfigur kann jede Person in der Familie einnehmen.
Erst neulich sprach ich mit einer jungen Frau über ein ähnliches Thema, als sie plötzlich sagte (es ging um die narzisstische Königin bei der Gänsemagd): „Ich habe plötzlich begriffen, warum ich mich so abhängig fühle, aber meine Mutter in der Königin gar nicht wiederfinde. Weil meine Oma diese Figur in meinem Leben war!“

Zum König/Zur Königin werden!

Ich lade jeden ein, unter diesen Aspekt seine Kindheit zu betrachten und herauszufinden, ob einige Themen, an denen er/sie heute zu kauen hat, vielleicht darauf zurückzuführen sind, dass er/sie eine „Märchen-Stiefmutter“ hatte. Vielleicht braucht man dafür Hilfe von einem Freund, einem Coach oder Therapeuten. Wenn man jedoch von dem flüchteten Mädchen allein im Wald zur neuen Königin am Ende des persönlichen Märchens werden will, so ist dies der erste und fast wichtigste Schritt, der zu tun ist.

Shalom,

euer Mathias

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: