Beziehung leben: 5 Prinzipien, wie Gespräche gelingen!

Es ist vier Uhr morgens. Ich schaue meine Frau an. Sie sieht furchtbar müde aus. Ihre Augen sind rot von den Tränen. Ich zittere vor Erschöpfung. Wir sind so glücklich.

Wir wollten uns treffen, in einem Haus nur aus Treppen.

Viele Male in unserer nun 14 Jahre währenden Beziehung gab es diese Momente. Ihnen ging viele Stunden miteinander Reden voraus. Meist fing es an mit einem Streit. Angestaute Traurigkeit, Wut, Einsamkeit. Der Streit bestand meist aus Geschrei, Sachen schmeißen, frustriertem Schweigen. Wir wussten jedoch, dass wir einander nicht fallen lassen dürfen. Dass die Vorwürfe, die verzweifelten Worte kein Angriff sind.

Die meisten Anklagen sind Hilferufe, Vorwürfe sind Fragen. Sie sind Zeichen für den Wunsch nach Nähe, nicht nach Entzweiung.

Tagelang reden, schlafen im Stehen.

Auf den Lärm und das Schweigen folgten die vielen, vielen Worte. Den Anderen anschauen, und das Miteinander-Reden. Es musste viel aufgearbeitet werden. Szenen aus der Vergangenheit, die in einem ganz neuen Licht betrachtet werden. Wie viele Missverständnisse gibt es immer wieder zu entdecken, aufzuklären, um endlich die tiefen Wunden zu heilen, die über die Zeit entstanden sind.

Wir sind zusammengekommen, da waren wir noch fast Kinder. Wir waren tagtäglich mit den Ansichten und Glaubenssätze unserer Eltern konfrontiert. Gerade erst hatten wir angefangen zu eigenständigen Individuen heranzuwachsen. Unseren Platz zu finden. Pubertät eben. Zwei sehr, sehr unsichere Menschen waren also aufeinander geprallt. Das geht nicht ohne Verletzungen, ohne Fragen und Irritation. Es gehört einfach dazu. Wie gut, wenn diese Erinnerungen nicht verdrängt bleiben, sondern zusammen aufgearbeitet und geklärt werden.

Herzklopfen, weil einem einige Dinge peinlich sind. Tränen, weil manches so wehtut. All das gehört immer wieder dazu.

Alles verstanden haben, wenn wir gehen.

Es ist so schön, wenn diese Gespräche mit Sätzen enden wie:

”Jetzt endlich verstehe ich, was damals passiert ist!”
”Endlich öffnest du dich mir. Ich liebe dich dafür.”

Wir nehmen uns dann in den Arm, weinen, lachen und schweigen gemeinsam. Es entsteht wahre, liebevolle Nähe.
Oft, wenn wir anderen Paaren davon erzählen, dass wir teilweise Gespräche führen, die über Tage und Nächte gehen, ernten wir Verwirrung. Manchmal bekommen wir Antworten, wie: “Wenn wir eine halbe Stunde am Stück reden, ist das schon viel!” oder “Kocht man da nicht ewig im eigenen Saft?”
Bei letzterem ist tatsächlich etwas dran. Wir mussten über die Jahre lernen, wie diese Gespräche geführt werden, damit sie konstruktiv sind. Es sind ein paar Prinzipien, die ich teilweise schon erwähnt habe und euch hier noch einmal zusammenfasse:

– Zu Versuchen, auch wenn der Zorn in einem aufsteigt, die Worte des Partners nicht als Angriff zu werten.

– So ehrlich zu sein, wie es geht. Kein Blatt vor dem Mund zu nehmen und klar sein.

– Die Gefühle des Anderen nicht zu negieren. Sätze wie “Das stimmt nicht!” oder “Das kann gar nicht sein!” oder “Deine Gefühle sind falsch.” sind fehl am Platz.

– Gewaltfrei zu kommunizieren. Das bedeutet, die eigenen Beobachtungen, Gefühle und Bedürfnisse klar zu sagen. Worte wie “Immer” oder “Nie” oder “Du bist so und so” sind vernichtend.

– Davon auszugehen, dass der Andere einen liebt und beide nur eines wollen: Eine wunderschöne Beziehung führen.

Das Ende eines langen Gesprächs

Der Lohn

Diese Prinzipien haben uns über Konflikte getragen, an denen andere Paare nach unserer Beobachtung auseinander gebrochen sind. Es ist so bereichernd und schön, sich sehr viel Zeit für einander zu nehmen. Dann bleibt eben der Haushalt stehen. Dann erscheint man halt totmüde auf Arbeit. Ja, dann wird sich eben auch krank geschrieben, um diese Sache wirklich zu klären. Eure Beziehung ist so viel wertvoller, als den Tag pflichtbewusst am Arbeitsplatz zu verbringen. Dieses Gespräch kann die Grundlage der gemeinsamen glücklichen Zukunft sein!

Heilen wir unsere Beziehungen. Reden wir miteinander. So lang es eben dauert.

Ich wünsche euch eine schöne Zeit miteinander,

Shalom,

Euer Mathias.

(Zwischenüberschriften aus „Ein Leben ohne dich“ von TELE)

PS: Hört euch dieses Lied von Keimzeit gern an (siehe unten). Es stellt ein schönes Bild für dieses Thema dar!

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