Beziehung leben: Wie umgehen mit Kritik?

Ich glaube, in jeder Beziehung muss eine gemeinsame Art der Kommunikation gefunden werden. Das kann ein langer und anstrengender Prozess sein, aber nach meiner Erfahrung auch ein erfüllender und lohnender Vorgang.
Ein wichtiger Aspekt in der Kommunikation ist: Kritik und Kritikunfähigkeit.
Wenn ich an mich denke, vor etwa 10 Jahren, dann sehe ich da einen Menschen, dem es sowohl an Selbstbewusstsein, als auch an Selbst-Bewusstsein gemangelt hat. Lasst mich kurz beschreiben, was ich mit diesen unterschiedlichen Schreibweisen meine.

Selbstbewusstsein

Kritik kann immer schmerzen. Das ging mir ganz besonders so. Selbst im Studium und in anderen eher “oberflächlichen” Gemeinschaften und Beziehungen hat nach jeder kritischen Bemerkung etwas in mir eingeschnappt. Der Groll war teilweise immens, aber da, wie gesagt, keine tieferen Themen angesprochen worden waren, konnte ich früher oder später entweder die Kritik abtun, oder den Kritiker als Vollpfosten abstempeln.
In meiner Beziehung zu meiner damals noch Freundin war das jedoch nicht so leicht. Es schien mir nicht so, als ob sie nur eine Eigenschaft von mir, also z.B. meinen Hang zur Unordnung, oder meine unorganisierte Vergesslichkeit ankreidete. Nein: Ich fühlte mich in meiner Gesamtheit völlig abgelehnt.
Kritikfähigkeit ist etwas, was nur mit einem gesunden Selbstbewusstsein möglich ist, und ich hatte den Anspruch, perfekt zu sein. Nur, wenn ich keine Fehler mache, so glaubte ich, bin ich ein guter Mensch. Das geht natürlich nicht und so sank mein Selbstbild ins Bodenlose.


Zum Glück habe ich mit der Zeit ein paar wichtige Dinge dazu begriffen. Einige betreffen die Kritik an sich, auf dieses Thema möchte ich demnächst noch eingehen. Was ich jedoch bei mir selbst begriffen habe, ist:

Kritik bedeutet nicht, dass ich nicht geliebt werde

Ich bin gut. In mir ist eine große Verletzung, die mir einredet, dass das nicht so sei. Als ich anfing, diese Verletzung zu ergründen und zu “bearbeiten”, merkte ich plötzlich: Ich muss nicht perfekt sein und Kritik bezieht sich tatsächlich nur auf etwas, was ich getan/gesagt habe, nicht darauf, was ich BIN.
Das ist einer der ganz großen Grundaspekte in der Kommunikation mit Partnern und Kindern:
Deine Familie liebt dich. Diese Liebe hört nicht auf, nur weil du Fehler machst. Sie ist ganz unabhängig davon. Und Kritik ist kein Zeichen dafür, dass sie dich nicht wirklich gern haben.

Es hilft, selbst wenn man das im Moment nicht fühlen kann, dieses, ich nenne es mal ein Axiom, als gegeben vorauszusetzen:

Ich bin geliebt und mein Wert wird durch Kritik nicht gemindert.

Geh davon aus, dass dies der Wahrheit entspricht und schau, was mit dir passiert.
Falls du manchmal genau so denkst, wie ich es bei mir beschrieben habe, dann hoffe ich, dir mit diesem Glaubenssatz auch so helfen zu können, wie er es bei mir tat.

Selbst-Bewusstsein

Der zweite Aspekt, der sehr viel in mir verändert hat, ist, sich auf die Suche nach dem Grund zu machen, warum ich eigentlich nicht kritikfähig bin. Zunächst erst einmal, war es natürlich an mir, zu verstehen, dass auch dies wieder kein Manko, keine Schuld von mir ist. In mir ist, wie gesagt, eine Verletzung und um die muss ich mich kümmern. Dazu gehörte viel Selbstreflexion und auch jetzt noch immer wieder kehrendes Innehalten und nach innen horchen, was in mir vorgeht.
Danach hat es mir sehr geholfen, diese Beobachtungen zu teilen, mit meiner Frau zum Beispiel.
Noch viel schöner war es, sich gemeinsam auf die Suche zu machen, in langen Gesprächen bei Tee und Kerzenschein (ja gut und bei Wein und Tabakrauch…), was in mir so rotiert und nagt und wimmert.


Diese Prozesse sind anstrengend, aber sie schaffen eine ungeheure Nähe und was am wichtigsten ist: Mir wurde besonders deutlich bewusst, dass meine Frau immer für mich ist, sich um mich sorgt und mich liebt.

Es ist ungeheuer heilsam, in sich zu gehen, zu suchen, und am Ende zu erfahren: Es ist nicht meine Schuld. Ich bin nicht allein. Ich bin ein guter, liebenswerter Mensch und ich muss nicht perfekt sein.

Eure Erfahrungen?

Mich würde sehr interessieren, ob ihr solche Gedanken, wie ich sie beschrieben habe, auch kennt und ob ihr ähnliche Prozesse bezüglich Kritikunfähigkeit durchlebt habt. Kommt gern ins Gespräch mit mir, hier in den Kommentaren oder auf der Facebookseite zum Brunnen.

Bis dahin,

Shalom,

Mathias

  1. Valerie Segal

    Sehr gut geschrieben spricht mir aus dem ?. Und hat mir grad meine Augen geöffnet.
    Leider geht es mir meist immer noch so das ich bei Kritik bei einer bestimmten Person darauf stosse das ich glaube nicht gut zu sein sowie ich bin. Ich weiss nicht wie ich diese Programmierung weg bekomme oder umprogrammieren kann. Wie du schreibst bin ich schon jahrelang auf der suche des verletzungsgrundes. Mal sehen wie ich da weiter komme ?
    Danke f die tollen zeilen.
    Alles liebe
    VAlA

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