Essen und Gefressen Werden – Hänsel und Gretel Teil II

Etwas zu spät, weil ich über Himmelfahrt unterwegs war, möchte ich heute mit der Analyse von Hänsel und Gretel fortfahren. Wenn du den ersten Teil noch nicht kennst, würde ich dich bitten, einmal in der Blogübersicht nachzuschauen oder auf diesen Link zu drücken: Hänsel und Gretel – Teil I.
Da diese Texte aufeinander aufbauen, ist es besser, die Analyse von vorn zu lesen.

Das letzte Mal haben wir uns damit auseinander gesetzt, welche Glaubenssätze depressive Eltern, bzw. Eltern, deren Liebesfähigkeit eingeschränkt ist, bei Kindern auslösen. Dies gipfelt darin, dass, was auch immer die Intension des Vaters und der Mutter war, das Kind sich möglicherweise verstoßen fühlt. Es befindet sich in einem dunklen Wald. Wenn es Glück hat, durfte es noch das letzte bisschen Liebe seiner Eltern (den letzten Kanten Brot im Haus (!) und ein warmes Feuer) mitbekommen, doch nun ist es allein. Vielleicht kann es in seinen Träumen noch erahnen, wie die echte Anwesenheit von Vater und Mutter sich anfühlte. Im Märchen nämlich binden die Eltern einen Stock an einen Baum, der vom Wind gegen den Stamm geschlagen wird. Dies vernimmt sich aus der Ferne wie die vertrauten Geräusche des Vaters, der Holz schlägt.

Ich spreche hier gerade von DEM Kind in der Einzahl, da es oft so ist, dass im Märchen alle handelnden Personen eigentlich nur die Aspekte der Psyche eines einzelnen Menschen sind. So können wir es zum Beispiel bei der Gänsemagd sehen, wo Prinzessin und Gänsemagd Seiten ein und der selben Frau sind, die sich mit der Abhängigkeit von der eigenen Mutter auseinandersetzt.
In diesem Märchen hier können wir probieren, ob nicht Hänsel die männliche Seite (der Intellekt) und Gretel die weibliche Seite (das Gefühl, die Emotion) eines Menschen darstellt. So lässt sich auch der weitere Vorgang des Märchens gut aufschlüsseln. Ein Kind wird, um seiner depressiven Mutter wieder nahe sein zu dürfen, alles in seiner Macht stehende versuchen und dabei subtil und heimlich vorgehen müssen. Es wird anfangen, alle Signale, die die Mimik und Gestik der Mutter ausstrahlen, zu deuten, um vorbereitet zu sein, wenn wieder eine depressive Phase kommt, wenn wieder die Stiefmutter die Bühne betritt. Es muss vorbereitet sein und bereits die Kieselsteine sammeln, um im richtigen Moment wieder den Weg zurückzufinden. Dabei wird es seinen ganzen Intellekt bemühen müssen, daher ist es Hänsel, der sich nachts aus dem Haus schleicht, um die rettenden Steine zu sammeln.

„Du bist zuviel!“

Das Ergebnis dieser familiären Situation wird sein, dass die Botschaft, die das Kind speichert, die ist, dass es bereits Schuld hat, weil es existiert. Ihm wurde suggeriert, dass jede Bedürfnisäußerung eigentlich zuviel ist, denn es ist nicht genug Liebe da, und das was da ist, braucht die Mutter für sich selbst. Hänsel und Gretel wissen: “Jeder Bissen, den ich esse, fehlt dem Anderen, der genauso schlimmen Hunger leidet.”
Wen jemand mit einer solchen Lebensschuld, “Jedes Bedürfnis ist zuviel, DU bist zuviel!”, aufwächst, dann wird er alles in seiner Macht stehende tun, damit es allen Anderen gut geht. Dann endlich hat er auch selbst Frieden und eine Daseinsberechtigung.
Diese Trauer, die Gewissheit, dass die eigene Existenz eine Belastung für die Menschen ist, die man liebt, ist eine der Ursachen für Depression.

Es muss freilich nicht immer so sein, dass diese Krankheit ausbricht. Aber den destruktiven Gedanken dahinter finden wir auch in der eigentlich “gesunden” Gesellschaft.
Ein Beispiel stellt die restriktive HARTZ IV-Politik dar. Das angesetzte Ziel von Fordern und Fördern äußert sich in genau einer Aussage: Der Staat besitzt die Gnade, dir Geld zu geben, das du eigentlich nicht verdient hättest, weil du keine Leistung bringst. Weil du nichts zum Bruttosozialprodukt beiträgst. Eigentlich hättest du nicht das Recht zu existieren. Eine grausame Botschaft und nun braucht es uns auch nicht zu verwundern, dass viele Arbeitslose nach und nach ihr Selbstwertgefühl völlig verlieren.

Wir haben nur die Ausgangssituation von einem einfachen Märchen betrachtet und bereits soviel entdeckt, was unsere Gesellschaft prägt und sogar das Krankheitsbild der Depression, die Existenzschuld, aufgearbeitet. Ich möchte diesen Beitrag jedoch nicht so tragisch beenden.

Die Wahrheit

Es ist mir wichtig, dir mitzuteilen, dass dein Wert über alle Zweifel erhaben ist. Wenn du das Gefühl hast, dass du nicht gut bist, als Person, dann ist das ein Glaubenssatz, den du im Laufe deines Lebens aufgenommen hast, der aber nicht der Wahrheit entspricht. Vielleicht kannst du dich einmal vor den Spiegel stellen, dir fest ins Gesicht schauen und sagen:

ICH BIN DA

Wiederhole diese Worte und horche in dich. Wenn du magst, kannst du hier in die Kommentare posten, was du wahrgenommen hast.
Warum ich gerade diese Worte in dieser kleinen Übung gewählt habe, davon möchte ich nächste Woche schreiben und damit erst einmal weggehen von der düsteren Stimmung des Märchens. Die Hexe wird uns an einem anderen Zeitpunkt noch beschäftigen.

Bis dahin,

Shalom,

Euer Mathias

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