Essen und Gefressen werden – Hänsel und Gretel

Wie der Brunnen steht der Wald in Märchen oft für unser Unterbewusstsein. Wenn wir an diesen geheimnisvollen Ort denken, fällt uns wahrscheinlich das Märchen von Hänsel und Gretel ein.
Die zwei Kinder, die von ihren Eltern im Wald ausgesetzt werden und dann in seinen Tiefen auf eine Hexe stoßen, welche die beiden gern fressen will und sie deshalb in ein Pfefferkuchenhaus lockt.
Tatsächlich können sich viele in dieser Geschichte wiederfinden und es lohnt sich, tiefer in die Themen einzutauchen, die hier zu finden sind.
Als Ausgangssituation steht eine arme Familie eines Holzfällers, die kaum mehr etwas zu essen hat, zumal eine große Hungersnot ausgebrochen ist. Dieser äußere Mangel steht in Märchen meist für den inneren, seelischen Mangel. Es werden also Eltern beschrieben, die schwere innere Wunden haben. Vielleicht haben sie ihre Kinder aus Zuneigung zueinander bekommen, wollten eine Familie gründen und haben die beiden Kleinen tatsächlich geliebt. Und auch jetzt ist es noch so, dass es ein Irrtum wäre, zu meinen, dass die Mutter mit ihrem scheinbar hartherzigen Vorschlag, die Kinder in den Wald zu schicken, das Sinnbild einer grausamen Rabenmutter wäre. Vielmehr zeigt sie eine große Einsicht: Als der Vater die Forderung der Frau ablehnt, antwortet diese “dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobeln”. Zuhause ist ihnen der sichere Tod gewiss, im Wald gibt es vielleicht noch die leise Möglichkeit eines Überlebens.


Was hier beschrieben wird, ist ein tragischer Zustand. Es ist schwer, seine Kindheit ohne Schäden zu überstehen. Eltern werden gesellschaftlich geprägt, die Vorstellungen, wie man mit Kindern umzugehen hat, sind tief verankert. Aus einem Kind soll ja einmal ein vollwertiges Mitglied des Staates werden, das seine Leistung bringt und dabei hilft, die Wirtschaft anzukurbeln, damit dem Mantra des immerwährenden Wachstums genüge getan wird. Das Ergebnis können wir beobachten: Die eigene Geschwindigkeit, die Bedürfnisse, die ein Kind mitbringt, sind nicht wichtig. Es soll schon im Kindergarten darauf vorbereitet werden, später, zum Schulanfang alles mitzubringen, was es braucht, um still zu sitzen, dem Lehrer zuzuhören und konditioniert zu werden. Eigentlich müssten die Eltern wenigstens ein Gegengewicht dazu bilden. Zuhause sollte der Ort sein, an dem man zur Ruhe kommt, jeder er oder sie selbst sein kann. An dem uns die bedingungslose Liebe sicher ist. Aber wie soll das funktionieren, wenn schon die Eltern auf diese Weise groß geworden sind: “Wenn du einen Beitrag zur Gesellschaft leistest, bist du bei uns akzeptiert und bist es wert, Essen und Lebensraum zu bekommen. Aber wehe…”
Der Begriff dafür ist: Leistungsgerechtigkeit. Wer eine wirtschaftliche oder sogar emotionale Leistung erbringt, wird akzeptiert.
Was aus einem solchen Glaubenssatz resultiert, ist offensichtlich: Viele Menschen haben heute mit Depressionen zu kämpfen. Unsere Fähigkeit, andere zu lieben, wird zerbrochen, weil wir uns selbst nicht lieben können, gerade wenn wir keinen Erfolg im Leben haben. Wir sind ja nichts wert, wenn wir nichts leisten.
Das führt dazu, dass dieser Mangel irgendwie ausgeglichen werden muss. Ich habe von Eltern gehört, die zugaben, Kinder bekommen zu haben, damit sie endlich einmal von einem Wesen bedingungslos geliebt werden, so wie es eigentlich hätten die eigenen Eltern tun sollen. Das ist ein Zustand, der eigentlich kaum tragbar ist.

Welchen Hintergrund der seelische Mangel der Eltern bei Hänsel und Gretel hat, können wir nicht wissen. Wir werden mit der Depression konfrontiert, die auch darin geäußert wird, dass die Mutter hier die Stiefmutter ist. Meist, wenn diese Gestalt in einem Märchen auftaucht, soll uns das sagen: Diese Frau ist nicht mehr die Mutter, die das Kind einmal kannte. Sie ist ihm fremd, wie eine Stiefmutter, die neu in die Familie gekommen ist. Und es ist wahr, in depressiven Zuständen sind wir uns selbst nicht mehr ähnlich. Wir sind Fremde im eigenen Leben, schon für uns selbst. Wie furchtbar muss dies für unsere so von uns abhängigen Kinder sein.
Der Mutter von Hänsel und Gretel ist dies bewusst geworden: “Bei uns Eltern gibt es für die Kinder nichts, denn wir können sie nicht lieben, wie es Kinder brauchen. Weil wir eine Verletzung in uns tragen, die wir nicht mehr heilen können, die Not ist zu groß.”
Was für eine Leistung, dies zu entdecken. Im Märchen freilich ist es schon zu spät, denn der Glaubenssatz, dass man keine Bedürfnisse haben darf, weil man sonst verstoßen oder gar “gefressen” wird, ist schon tief in den Kindern verankert, wie wir in den kommenden Tagen sehen werden, wenn wir uns weiter mit dem Märchen von Hänsel und Gretel auseinandersetzen.

Bis dahin jedoch wollen wir wieder in uns hineinhören. Ob in uns eine Verletzung steckt, die wir vielleicht aus unserer Kindheit mitgenommen haben. Und dann wollen wir lernen, sie zu akzeptieren. Wir könnten uns ein paar Minuten nehmen und sagen:

”Einatmend sehe ich meine Verletzung und Traurigkeit..
Ausatmend umarme ich meine Verletzung und Traurigkeit.”

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In einigen Tagen schauen wir, was eine solche Kindheit mit uns macht und welche Glaubenssätze daraus entstehen.
Bis bald, ich freue mich auf euch!

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