Text: Wonderful World

Hallo liebe Besucher,

ich möchte euch einen Text vorstellen, den ich vor einiger Zeit geschrieben habe. Lasst ihn auf euch wirken, schreibt mir gern, was er mit euch macht. Viel Spaß!

Wonderful World

Der Himmel ist in einen tiefblauen Farbtopf getaucht worden und das Gras ruft danach, sich hinein zu legen. Ich schwebe auf der Suche nach dem Hier und Jetzt durch eine Welt, die stets einen Schritt zurückweicht, mit jedem Meter, den ich auf sie zugehe.
Heute werde ich das letzte Mal hier her gekommen sein. Das letzte Mal rauscht der Wind in mein Ohr, dass es fast schmerzt und die Rauchzeichen meiner Zigarette funken erneut in den weiten, leeren Himmel.
Der Anfang hat sich wunderbar klar und neu angefühlt. Die Stadt ist damals fremd für mich gewesen und ich genoss es, unbekannt und neu durch die Gassen zu streifen und allem den ersten Blick zu schenken. Mein Zimmer bestand aus einer Matratze und einem Laptop, einer Tasche und einem kleinen dröhnenden Kühlschrank. Ich wollte es so belassen.
Ich stand im Supermarkt und überlegte, wie ich meinen lärmenden Freund füllen solle. Schon als Kind hatte ich Probleme, die neuen Buntstifte am Anfang des Schuljahres auf das Papier zu senken, um die unberührte Mine abzuwetzen, sodass ich sie früher oder später spitzen muss. Der von mir unbenutzte Kühlschrank sollte nur mit dem besten, reinen, einfachen gefüllt werden. Bio-Käse. Tomaten. Rucola. Naturjoghurt. An der Kasse bemerkte ich, dass sich eine Tiefkühl-HotDog-Pizza in meinen Beutel geschlichen hatte. Entsetzt von der Dreistigkeit dieses kalten, fettigen Produkts warf ich die volle Pappe noch an der Ausgangstür in den Müll.
Ich stand am nächsten Morgen um sieben auf, wie ich es mir vorgenommen hatte, wollte eine Runde joggen, dann ein kleines Frühstück genießen und losgehen. Als ich am Abend zurückkehrte, stellte ich zu meiner Überraschung eine Flasche Cola auf den Tisch. Das blieb für lange Wochen das letzte ungeklärte Ereignis. Jeden Tag aufstehen, joggen, leichtes Frühstück, losgehen, Abends zurückkehren, vegetarisches Abendbrot, Buch lesen, Schlafen.
Einmal erwachte ich, es war dunkel draußen, ich schaute auf die Uhr. 2.30 morgens. Vor mir, auf dem Laptop-Bildschirm schlug mir Netflix einige Serien vor, die mir auch gefallen könnten, basierend auf meinen Sehgewohnheiten. Ich klappte den Deckel herunter und konnte dann nicht mehr einschlafen. Zum Joggen später war ich zu müde. Angewidert stopfte ich ein Stück Tiefkühlpizza nach dem Anderen in mich hinein. Am Abend rief ich meine Mutter an.
Lernst du schön?
Ja.
Machste nicht zu doll abends?
Nein.
Pause
Ich fühle mich ein wenig unwohl.
Mach einen Spaziergang, das hilft.

Ich ging spazieren und landete auf der Wiese mit dem blauen Himmel. Die Leere, die Weite, die Reinheit. Erfrischt ging ich nach Hause. Sie hatte recht gehabt. Dachte ich.
Am nächsten Tag kam ich zu spät, als ich meinen Notizblock aufschlug, sah ich, dass ich das letzte Mal irgendwann aufgehört hatte, mitzuschreiben. Ich ließ einige Seiten frei. Irgendwann würde ich mir den Hefter eines Kommilitonen ausleihen und nachbessern.
Dann lernte ich sie kennen. Es waren ein paar schöne Wochen. Ich bereitete ihr Spaghetti und Rucola-Salat zu. Als sie anfing, von ihrem despotischen Vater zu erzählen, war ich für sie da und half ihr. Dachte ich.
Hörst du mir überhaupt zu?
Ja, natürlich, ich….
Es kommt mir vor, als würdest du immer nur eine Schallplatte abspielen, mit deinen philosophischen und klugen Weisheiten. Ich brauche keine Ratschläge, ich brauche jemanden, der mir zuhört.
Wir trennten uns 2 Wochen später. Ich ging wieder auf meine Wiese. Ich sprach mir Mut zu: Das nächste Mal machst du es besser. Du kannst das eigentlich.
Ich fiel durch die Prüfung. Ich wurde fetter und fetter. Ich wurde fauler und fauler. Ich konnte das Logo von Netflix schon nicht mehr ertragen.
Ich rief meine Mutter an.
Du musst mal meditieren.
Ich will nicht.
Das hilft wirklich. Dann findest du auch deine Mitte, Es hat letztendlich alles einen Sinn. Das ist immer so.
Ja. Danke.

Heute stehe ich wieder hier auf meiner Wiese. Mache Rauchzeichen mit meiner Zigarette. Ich bin seit Wochen nicht in der Uni gewesen. Habe eine Tüte voll Hot Dogs und Pizzabrötchen vom Schnellbäcker. Rauchzeichen.
Ich wünschte, ich hätte im letzten Jahr wenigstens eine Sache richtig gemacht. Kann ich mir eigentlich selbst noch vertrauen, meinen Fähigkeiten, meinem Verstand? Rauchzeichen. Ich schaue mich um. Ich höre Musik in mir.

I see skys of blue and clouds of white.
The bright blessed day, the dark sacred night
And I think to myself. What a wonderful world.
Yes, I think to myself… What a wonderful world.

  1. Dazu fallen mir irgendwie eine Menge Fragen ein. Was ist so schwer am ersten Schritt: dem ersten Strich, der ersten Kühlschrankfüllung? Wer wollte Bio, Joggen, Lernen? Und warum wollen wir immer mit Ratschlägen und Taten um uns schmeißen, anstatt einfach hinzuhören und da zu sein?! Und woran merkt man wann Zuhören und wann Beratschlagen das Benötigte ist?

    • Ein schöner Text um sich ins Gedächtnis zu rufen, sein eigenes Wirken immer wieder mit Fragen wie diesen unter die Lupe zu nehmen.

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