„… es quillt aus einem Brunnen in dem Hofe eines verwünschten Schlosses…“

Wenigen Symbolen begegnen wir in Märchen so oft, wie dem Brunnen. Schon im ersten Märchen in der Märchensammlung der Gebrüder Grimm offenbart er sich uns als Ort, in dem ein verzauberter Frosch gefangen ist. In der Geschichte vom Blauen Licht wird der arme Soldat von der Hexe hineingestoßen, nur um dort das titelgebende Licht und somit seine Rettung aus innerer und äußerer Armut zu finden. Die böse Stiefmutter und Zauberin verwünscht alle Brünnlein (Brunnen waren vor Zeiten auch natürliche Quellen) im Walde, sodass Brüderchen und Schwesterchen in ihr Unglück laufen müssen. Der Wolf fällt in den Brunnen und die Geißlein sind frei. Hans verliert seinen Schleifstein im tiefen Schacht und fühlt sich leicht wie nie.

Es ist offensichtlich: Einen Blog, der tief mit der mythischen und psychologischen Bedeutung von Märchen verzahnt ist, nach diesem Symbol zu benennen, liegt nahe.

Was der Brunnen in den einzelnen Geschichten darstellt, ist nicht einheitlich. Beim Froschkönig steht er für den ewigen Mutterschoß, der Frosch ist also ein junger Mann, der sich nicht von seiner Mutter lösen kann, ein bindungspsychologisches Problem, aus dem ihn nur die Liebe zu einer Frau helfen kann, welche freilich auch, in Gestalt der goldenen Kugel, in ihrer Kindheit gefangen ist.

In der auf urgermanischen Mythen basierenden Geschichte der Frau Hulda oder Frau Holle ist der Brunnen sowohl der Tunnel ins Reich der Toten, das Unterreich, das zugleich auch Himmel ist, als auch das Zeichen des Jahresbeginns, in dem die Sonne (Goldmarie) den Frühling (Blumenwiese), den Sommer (Backofen), den Herbst (Reifer Apfelbaum) und den Winter (Frau Holles Bettdecken) durchwandert. Der ewige Kreislauf des Lebens ist auch der Lauf des Universums in immer wehrender Wiederkehr.

Zwei Aspekte sind jedoch meist vorhanden: Der Brunnen als Blick in die Tiefe der eigenen Seele und stets als Ort der Veränderung. Niemand kommt aus dem Brunnen als die Person wieder heraus, als welche er hineingefallen ist. Als in der biblischen Geschichte die Brüder dem jüngsten Bruder Joseph das erste Mal wieder begegnen, nachdem sie ihn in den Brunnen gesperrt und verloren haben, erkennen sie ihn gar nicht wieder, denn dass ihr Jüngster nun der erste Berater des Pharaos ist, damit konnte niemand rechnen.

Es scheint, als wollten uns die alten Märchen und Mythen auffordern, den freilich riskanten Blick, ja sogar den Sprung in den Brunnen unserer Seele zu wagen. Das kann ein langer, entbehrungsvoller Weg sein, denn wir begegnen Dingen, die wir aus gutem Grund tief in uns begraben haben. Aber es wäre ein Fehler, sie vergessen zu wollen, zu verdrängen, denn sie sind da und sie arbeiten in uns. Sie sind der böse Brunnengeist, der uns versklaven will und seinen Tribut fordert, wenn wir ihm entkommen wollen. Er wird ihn sich nehmen und wir würden sehr viel verlieren, wenn wir diesem Abkommen zustimmen (Die schöne Warwara).

Wir können uns fabelhaft davon ablenken, können uns in Arbeit stürzen, in Vergnügen, können Filme und Serien schauen und konsumieren. Wenn wir jedoch zu uns finden wollen, müssen wir uns zwangsläufig in die Stille des dunklen Schachts begeben und lauschen, was dort auf uns wartet. Vielleicht ein kleines, ängstliches Kind, das schon jahrelang nach oben blickt zu dem kleinen hellen Kreis und hofft, dass jemand kommen möge, der ihm zuhört und hinaufhilft.

Wir sollten es wagen. Wir sollten es uns wert sein, um Heilung zu erfahren und uns neu zu begegnen. Wie jedoch schaffen wir das.

Unsere Praxis könnte sein, dass wir jeden Tag einige Minuten finden, in denen wir uns hinsetzen, hinlegen, hinstellen oder laufen und folgendes sagen (in Gedanken oder laut):

“Einatmend bin ich mir meines inneren Kindes tief im Brunnen bewusst.

Ausatmend höre ich gut auf mein inneres Kind.”

Der erste Schritt in den Brunnen ist getan, denn so ermutigt werden wir feststellen, dass unser verwundetes Kind im Brunnen, vielleicht zunächst etwas ungläubig, weil es ja soviele Jahre nicht sprechen durfte, anfängt sich wieder mitzuteilen und das Tor ist geöffnet.

Wir dürfen gespannt sein, wie es weitergeht.

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